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14. September 2020

Tenet & die Wiedereröffnung der Kinos

Das Kino hat es in den vergangenen Monaten nicht leicht gehabt. Aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie wurden bereits etliche Blockbuster und Straßenfeger wie „Black Widow“, „Wonder Woman 1984“ und vor allem „James Bond 007: Keine Zeit zu sterben“ verschoben – um nur einige zu nennen.

Darüber hinaus mussten die Lichtspielhäuser eine sehr lange Zeit gänzlich geschlossen bleiben. Die Auswirkungen des Corona-Virus auf Kunst und Kultur sind bereits zu diesem Zeitpunkt erheblich.
Nunmehr hat sich der Disney-Konzern auch noch – aus wirtschaftlichen Gründen – dazu entschieden, seine neueste Realverfilmung mit „Mulan“ als VIP-Zugang (Zusatzkosten) für Disney+-Abonnenten zur Verfügung zu stellen. Die Kinos gehen leer aus.

Die drastischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie vermögen jedoch nicht darüber hinwegzutäuschen, dass es auch in den letzten Jahren schon nicht mehr so rosig um die Lichtspielhäuser bestellt war. Die starke Konkurrenz durch Streaming-Dienste wie Prime Video und vor allem Netflix ist deutlich spürbar. Es fällt zwar auf, dass gerade die Eigenproduktionen von Netflix – zuletzt etwa „The Last Days of American Crime“ oder „Project Power“ – grundsätzlich eher von bescheidener Qualität sind, aber dennoch offenbar den Zeitgeist treffen. Schlichte Unterhaltung mit geringem Anspruch, die es dem Zuschauer ermöglicht, noch nebenbei am Handy zu surfen und zu scrollen, ohne wesentliche Aspekte zu verpassen. Der offenkundige Erfolg der „algorithmierten“ Filme gibt den Machern recht.

Wer könnte da besser zur Rettung der Kinos antreten als Meisterregisseur Christopher Nolan („Memento“, „The Dark Knight“, „Inception“, „Interstellar“) – bekanntermaßen ein großer Netflix-Kritiker. Nolan hat sich bereits im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seines Kriegsfilms „Dunkirk“ zum bedenklichen Einfluss von Netflix und zum gänzlichen Verzicht auf die Kino-Präsentation geäußert. Der Autorenfilmer war und ist der festen Überzeugung, dass große Filme für das Kino gemacht werden.

Und so ist es geradezu romantisch, dass Nolan – trotz der widrigen Umstände – seinen Film „Tenet“ in die Lichtspieltheater entsendet, um den Glanz zurückzubringen.

Krieg der Zeiten

Da es Christopher Nolan wie kaum einem anderen der großen Regisseure unserer Zeit gelingt, aus seinen Projekten ein riesiges Geheimnis zu machen, werden wir uns hier an einer möglichst spoilerfreien Inhaltsangabe versuchen. Das Publikum hat ein Recht darauf, überrascht und womöglich überwältigt zu werden.

Es sei zunächst nur so viel gesagt: Nolan widmet sich seinem Lieblingsthema – der Zeit.

Bereits in „Interstellar“ widmete er sich in anspruchsvoller Weise der Zeitdehnung; auch in „Dunkirk“ spielt die Wahrnehmung von Zeit eine zentrale Rolle. Nun also „TeneT“.

Der Protagonist (John David Washington) ist in eine brandgefährliche Mission involviert, an deren Ende er vermeintlich das Zeitliche segnet. Nachdem er aus dem Koma erwacht, wird ihm bescheinigt, einen schwierigen Test bestanden zu haben. Von nun an ist der Agent Bestandteil einer Geheimoperation (u.a. mit Robert Pattinson als Neil), die auf den Namen „Tenet“ hört, und die nicht weniger erreichen will, als die Vermeidung des dritten Weltkrieges.
Dabei handelt es sich jedoch weniger um einen Krieg der Welten, als vielmehr um einen Krieg der Zeiten. Über die Hintergründe seiner Operation erfährt der Agent nur Bruchstücke. Ausgangspunkt allen Übels soll jedoch der reiche Waffenhändler Andrei Sator (Kenneth Branagh) sein. Es beginnt ein Wettlauf mit der und gegen die Zeit, der nicht nur die Vorstellungskraft des Protagonisten, sondern auch die des Zuschauers herausfordert.

Ein Teufelskerl

Christopher Nolan hat es wieder geschafft. Mit „Tenet“ präsentiert der Autorenfilmer einen ungemein komplexen und dichten Film und vor allem einen raffiniert konstruierten Plot. Die tiefsinnigen Gedanken und Ideen Nolans könnten ohne Zweifel Arthouse-Kino sein, kommen aber wie gewohnt im Gewand eines waschechten Action-Blockbusters daher – mit allem was dazugehört.

Der Score ist eindringlich und atmosphärisch passend, und begleitet eine Handlung, in der es Schlag auf Schlag geht. Die Laufzeit von 150 Minuten weist keine Längen auf, da der Film bis zum Schluss sein rasantes Tempo aufrechterhält und die Actionszenen immer wieder bildgewaltig und mitreißend daherkommen. Egal, ob ein arrangierter explosiver Flugzeugunfall oder verkehrt herum inszenierte Bungee-Sprünge oder Prügeleien –  hier sieht das Publikum Szenen, die es garantiert noch nie zuvor gesehen hat. Genau dafür ist das Kino geschaffen worden.

Neil (Robert Pattinson) und der Protagonist (John David Washington) müssen den Dritten Weltkrieg verhindern. (Copyright: Warner Bros. Entertainment Inc.)

Einige Kritikpunkte müssen sich Nolan respektive „Tenet“ am Ende des Tages gefallen lassen. Der Filmemacher macht sich zu keiner Zeit wirklich die Mühe, dem Publikum seine komplexen Gedankenexperimente und Theorien näherzubringen – geschweige denn – erklären zu wollen. Besondere Anstrengungen werden nicht unternommen und Ansätze in diese Richtung werden spielerisch unterbunden. So ist der Zuschauer ein ums andere Mal alleine mit sich (und dem Knoten in seinem Kopf). Dessen ungeachtet ist „Tenet“ sogar bei völligem Unverständnis der Materie noch ein bombastischer und bildgewaltiger Ritt.

Es ist auch zumindest erwähnenswert, dass Kenneth Branagh als klischeehafter Oberschurke Andrei Sator nach einiger Zeit ganz schön nervt. John David Washington geht wiederum ohne Weiteres als smarter schwarzer James Bond durch. Elizabeth Debicki ist das greifbare Bond-Girl, wie wir es noch nie gesehen haben. Robert Pattinson („Good Time“) ist mittlerweile über jeden Zweifel erhaben.

Eine gewisse distanzierte Nüchternheit, Sachlichkeit und Kühle zeichnet weniger „Tenet“ im Speziellen, sondern vielmehr Nolan im Allgemeinen aus. Der Fokus von Nolan liegt grundsätzlich auf einem rasanten und spannenden Plot mit komplexen Ideen; die Figuren sind oftmals nachrangig, wenngleich niemals unmenschlich.

Wertung: 4 Sterne

Abschliessende Worte

Cineasten wie sporadische Kinogänger sollten sich „Tenet“ nicht entgehen lassen. Derartige Erlebnisse sind für die große Leinwand gemacht und gedacht.

Mit diesem Beitrag möchten wir unsere Leser allerdings nicht nur ermuntern, sich Nolans neuesten Streich anzuschauen, sondern überhaupt wieder häufiger ins Kino zu gehen – einerlei, ob Multiplex oder kleines Programmkino um die Ecke. So schön und gemütlich es ist, sich abends auf der Couch von Netflix & Co. berieseln zu lassen, so wenig können die Streaming-Plattformen das Kino komplett ersetzen.

Ins Kino gehen ist immer auch ein kollektives Erlebnis: Gemeinsam lachen, gemeinsam weinen, gemeinsam in angespannter Erwartung sein.
Ins Kino gehen bedeutet auch: gemeinsame Gefühlsausbrüche. Das lässt sich auf der Couch nicht simulieren.
Ins Kino gehen heißt auch: das gemeinsame Glas Bier oder Wein oder was auch immer, und ein Diskurs oder Plausch über das Gesehene.

Also, schaut ab und an mal wieder Filme auf der Leinwand und verhindert ein Massensterben der Kinos.



Über den Autor

Fabian
"Du lächelst wie jemand, der keine Ahnung hat, wozu ein Lächeln überhaupt gut ist." (Das kleine, blaue, geflügelte Einhorn Happy, in: Happy!)




 
 

 

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