Review

Eine gute halbe Stunde später ist mein Mund nach „Hunger.Stille“ komplett ausgetrocknet, da einem bei dieser Platte buchstäblich die Spucke wegbleibt. Dieses Jahr beglückt das norddeutsche Projekt Zinnschauer mit genau diesem Erzeugnis alle geneigten Ohren. Es ist wirklich erfreulich, vorab einen Geschmack davon bekommen zu haben.

Der Sound auf „Hunger.Stille“ basiert grundsätzlich auf einer Stimme, begleitet von den Stahlsaiten einer Westerngitarre. Allerdings handelt es sich hierbei nicht unbedingt um ein Soloprojekt eines Songwriters, der pathetisch die Akkorde runterschrammt und sich dabei in seinen Texten selbst entfaltet. „Tau“ war der erste Song, den ich vor Beginn des Albums, in solcher Erwartung, angehört habe. Im Nachhinein hat dieser Titel diese Sichtweise komplett umgekrempelt.

Jakob Amr, Kopf von Zinnschauer, schlägt zwar auch kraftvoll in die Saiten, nutzt aber alle Möglichkeiten seines Instrumentes voll aus. Das wohl Auffälligste ist sein Fingerpicking. Die Geschwindigkeit, in der er die Tonleitern rauf und runter saust, ist grandios. Durch die verschiedenen Übergänge zu den progressiven Rhythmen und ein sauberes Legato-Spiel erzeugt er abwechslungsreiche Melodien, die weit über die Grenzen einer Ein-Mann-Show gehen.

Am besten ist die Mischung aus Technik und Stil zu hören im Song „Das Zahnen allein“. In acht Minuten hat man schließlich auch genug Zeit, möglichst viel auszuprobieren. Zu Beginn wechseln sich Rhythmusakkorde mit schnellen Riffs ab. Anschließend dazu Percussion auf dem Korpus der Gitarre, die in eine Art akustischen Post-Hardcore Break überleitet. Die Saiten dröhnen und vibrieren dramatisch auf dem Griffbrett. Und als ob nichts gewesen wäre, ertönt freundliches Picking zum Schluss.

Dennoch reichen metallische Saiten natürlich nicht aus, zu Zinnschauer gehört auch noch ein Organ. Herr Amr pflegt als Basis eine recht hohe Stimme. Dennoch sollte man sich von anfänglichen Vorurteilen über die Wandelbarkeit seines Stimmorgans verabschieden. Klar, sind die obligatorischen Kopfstimmen auch vorhanden, aber am markantesten ist der kraftvolle Gesang, der sehr viel Druck mit sich bringt. „Echolot“ ist ein gutes Beispiel für die starken Stimmbänder des Sängers, die genauso zart wie aggressiv sein können.

Zinnschauer (Copyright: Zinnschauer)

Zinnschauer (Copyright: Zinnschauer)

Aggressiv, ja das ist das richtige Stichwort. Auch wenn das Screamo-Genre mit vielen Klischees behaftet ist. Jakobs geschriene Lyrics gehen einen durch Mark und Bein. Es wirkt fast so, als würde er direkt vor einem stehen und ins Gesicht brüllen, so viel Emotionen stecken darin. Überhaupt klingt „Hunger.Stille“ so, als würde man ein Livealbum hören, so lebendig, wie es klingt. Dieser wird auch, genau wie der andere Gesang, auf die Gitarre adaptiert.

Apropos live. Auch auf der Bühne überzeugt Zinnschauer mit einer klasse Performance, nicht zuletzt dank der musikalischen und technischen Unterstützung der beiden Mitglieder Sjard Fitter und Jonatan Lux.

Bevor wir zum Fazit kommen, einen kurzen Abstecher zu den Lyrics, oder besser gesagt, der Lyrik. Auf „Hunger.Stille“ versteht man es, die Texte in verschiedensten lyrischen Formen zu verpacken. Zum einen werden diese bildlich und gedanklich verschachtelt zum Ausdruck gebracht und zum anderen sind sie stocknüchtern und direkt auf den Punkt. Dabei wirken sie sehr menschlich und emotional.

Wie kann man sich „Hunger.Stille“ am besten vorstellen? Eigentlich gar nicht, am besten man kommt selber in den Genuss. Aber müsste ich einen Vergleich ziehen, würde ich sagen: eine Mischung irgendwo aus Bayside, Herrenmagazin und musikalische Einflüsse von Paco de Lucia. Zinnschauer präsentieren Folk mit Screamo und einer Portion intellektueller Poesie auf akustischer Basis. Hinzu kommt ein Arrangement der Songs, das einen ohne groß drüber nachzudenken direkt in den Bann zieht.
Vielleicht scheinen fünf Sterne etwas zu überbewertet, aber „Hunger.Stille“ beweist sich unter anderem durch seine musikalische Vielfalt als ein Album, das einfach zeitlos ist.

Video

Trackliste

01 Klamm
02 Hunger Ist Ein Einsames Gefühl
03 Echolalie
04 Das Zahnen Allein
05 Tau
06 Stille Ist Nur Das Warten Auf
07 Echolot
08 In Zahln Zu Zweit

Details

Zinnschauer – Facebook

Label: Kapitän Platte / Cargo Records
Vö-Termin: 28.11.2014
Spielzeit: 36:55

Copyright Cover: Kapitän Platte



Über den Autor

Christopher