Review

Eine Band aus Deutschland, die sich an Blues versucht? Das kann ja wohl nur in die Hose gehen! Außer – ja, außer, die Band mixt noch eine ordentliche Portion 80er, einen Schuss Rockgitarre und eine Prise Funk hinzu. Dann hat man Yvi Wylde mit ihrem Album „The Supersonic Karma“ auf dem Tableau und muss leider zugeben … irgendwie ist es cool.

Aber wie kann das sein? Drei Musiker aus der dörflichen Sphäre, die so einen schon fast weltumfassenden Sound verbreiten? Nun, der Leitsatz „Denen werden wir mal so richtig in den Musikgeschmack kacken“ ist wohl schon ein erstes Indiz. Das Resultat ist eine hemmungslose Musikakrobatik zwischen den Genres, bei der alles vereint wird, ob es auf den ersten Blick zueinander passt oder nicht.

Das zeigt sich schon am ersten (und im Übrigen auch letzten Song) des Albums „Baby I Feel Alright“. Was eigentlich eine kleine, harmlose Liebeserklärung ist, scheint auch symptomatisch für die ganze Platte zu sein. Die Sängerin und Gitarristin fühlt sich wohl mit dieser unkonventionellen Mischung und verbreitet die gute Laune darum auch ganz unkompliziert weiter: Mit Banjoklängen, Discorhythmus und verzerrtem, elektronisch anmutendem Gesang startet der Zuhörer direkt groovend in das Album. Diese Stimmung setzt sich im Titelsong „The Supersonic Karma“ fort. Mit Blechbläsern, Country-Blues-Gitarren und Rockeinflüssen in der Bridge kann dieser Song nur als „funky“ beschrieben werden.

In „Never Too Late“ geht die Party weiter – mit einem ausgelassenen „Wuhu!“ beginnt der schmissige Song. Sein treibender Refrain erhält Unterstützung von einem 80er-Jahre Keyboard und auch von den obligatorischen Blechbläsern, die zu dem in der zweiten Hälfte anknüpfenden Gitarrensolo einen spannenden Kontrast bilden.
Der vierte Song „Stars“ nimmt den Sound dieses vergangenen Jahrzehnts perfekt auf. Ein hämmerndes Klavier, dazu klassische Gitarren und Keyboardklänge im Hintergrund. Eine ernstere Rocknummer, die ihre Wurzeln nicht verschleiert, sondern gefühlt noch mit Tüll und peppigem Make-up unterstreicht.

Im krassen Gegensatz dazu steht „You Don’t Have To Be Strong“, die wohl ruhigste Nummer auf dem Album. Bluesig, angejazzt, rauchig und lässig kommt sie daher und ist dabei dennoch sehr kraftvoll und akzentuiert. Auch hier sticht wieder einmal das virtuose Gitarrenspiel hervor.
„Pretty Electric“ profitiert ebenso von diesem Können: Mit einem jammernden, herrlich schrägen Gitarrensound in bester Blues-Manier beginnt der sechste Song auf dem Album. Entgegen seines Titels klingt dieser aber mal gar nicht so elektrisch, sondern eher wie eine coole Country-Rock-Nummer. Zwar mit Elektro-Orgel im Background, aber mit dem herrlich rotzig-schrammigen Sound und der sich aufbauenden, immer schneller werdenden Komposition ein absolut klasse Song, der viel zu schnell vorbei ist.

Mit Annäherung an klassische Hardrock-Songs bricht „Someone Stole My TV“ aus dem bisher eröffneten Feld aus, wird jedoch im Refrain von 80s Keyboard-Akkorden wieder perfekt in das Gesamtbild des Albums eingegliedert. „Every Time You Leave“ kommt wieder poppiger daher. Hier spürt man mal wieder die Einflüsse des Blues (Klavier), der jedoch mächtig mit Glitzerstaub versehen wurde. Kein Vergleich zum neunten Song „The Wedding Blues“. Seine Gitarrenline zu Beginn erinnert spontan an den „Kill Bill“-Soundtrack. Mit den kernigen Gitarren, dem stampfenden Rhythmus und dem blechernen Schlagzeug versetzt Yvi Wylde den Zuhörer jedoch in ein klassisches Rockambiente, welches mit der dominanten Mundharmonika noch die Extraportion Countrysound verpasst bekommt.

Yvi Wylde (Copyright: Jan Fleer Pictures)

Yvi Wylde (Copyright: Jan Fleer Pictures)

Zum Abschluss des Debüt-Silberlings wird es noch einmal dramatisch. „Lipsticks and Leather“ startet mit gnadenlosen Streichern, die mit 80er Keyboard, rockiger Gitarre und unverfrorenem Schlagzeugeinsatz ein furioses Finale bilden. Danach folgt noch einmal der Einsteiger „Baby I Feel Alright“ in der Album-Version, die den Zuhörer genauso happy aus dem Album heraustanzen lässt, wie es ihn zu Beginn in die kunterbunte Welt von Yvi Wylde eingeladen hat.

Glamrock-Disco-Blues. So bezeichnet die Sängerin ihren Sound selbst. „The Supersonic Karma“ ist ein Album, das viele Facetten versucht unter einen Hut zu bringen. Diese Mischung schlägt eingefleischten Musikfans vielleicht auf den Magen. Ist zu viel Wildnis in Wylde? Wir sagen – nein. Denn dank des abwechslungsreichen und anpassungsfähigen Gesang der Sängerin sowie ihrem nicht zu verachtenden Gitarrentalents spannt sich so ein roter Faden durch das Album und schweißt die Songs, so bunt und durcheinander sie auch sind, fest zusammen. Wer Freude an Experimenten hat und den perfekten Soundtrack für einen sommerlichen Tag voller guter Laune sucht, ist hier darum genau richtig, denn Yvi Wylde macht klar, dass Musik nicht zu einer Religion werden muss, sondern auch einfach mal nur Spaß machen darf.

Anspieltipps
Baby I Feel Alright | Never Too Late | Stars | You Don’t Have To Be Strong

Video

Tracklist

01 Baby I Feel Alright (Radio Edit)
02 The Supersonic Karma
03 Never Too Late
04 Stars
05 You Don’t Have To Be Strong
06 Pretty Electric
07 Somebody Stole My TV
08 Every Time You Leave
09 The Wedding Blues
10 Lipstick And Leather
11 Baby I Feel Alright (Album Version)

Details

Yvi Wylde – Homepage
Yvi Wylde – Facebook
Yvi Wylde – Twitter

Label: Timezone Records
VÖ-Termin: 06.05.2016
Spielzeit: 34:27

Copyright Cover: Timezone Records



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.