Review

Ist es retro oder ist es vintage? So wirklich scheint sich Wyne Garden mit seiner Debüt-EP „June“ diesbezüglich nicht festlegen zu wollen. Was die darauf zu findenden sieben Songs aber auf jeden Fall sind? Sie sind entschleunigt – und übertragen dieses Gefühl auch auf die Hörer.

Abseits des Mainstream möchte sich der Bielefelder im Singer-Songwriter-Bereich, der von ihm um Lo-Fi-Pop ergänzt wird, etablieren. Klanglich ist Wyne Garden daher weit entfernt von Hi-Fi-Sounds und modernen, glasklaren Produktionen. Nichtsdestotrotz zeichnet die EP eine technische Qualität aus, die authentisch eine längst vergessene Klangästhetik heraufbeschwört. Gelungen ist Wyne Garden dies, indem er die auf „June“ zu hörenden Tracks im Keller der Eltern auf einer 8-Spur-Bandmaschine aufgenommen hat. Entsprechend häufig ist ein gewolltes leichtes Rauschen im Hintergrund der einzelnen Titel auszumachen, das den Charme des Lo-Fi-Charakters untermauert.

Wyne Gardens zart anmutende Stimme, hinter der in Höhenlagen auch gerne mal weibliche Stimmbänder vermutet werden könnten, passt hervorragend zum antiquierten Sound, dem außerdem die englische Sprache der Liedtexte zugutekommt.

Dies in Kombination mit Wyne Gardens typischem (und vom Label Timezone deklariertem) „Garage-Schrammel-Pop“, verursacht durch das simple Zusammenspiel von Gitarre, Keys und Rhythmusgruppe, erzeugt ein angenehmes Hörgefühl; allerdings nur so lange, bis beispielsweise „You’ll Be Fine“ mit einem am Ende unbequemen Gesangpart inklusive zur Disharmonie neigenden Tönen und einer zunehmenden Lautstärke verklingt, oder das instrumental gehaltene, sich jedoch wirr, konzeptlos und experimentell gebende „Washing The Dishes“ an die Reihe kommt. Denn die „Extras“, die man diesen Tracks verpasst, wirken sich eher hinderlich auf den Hörfluss aus.

Lo-Fi gut und schön, aber aus Rücksicht auf die gesamte Atmosphäre der EP sowie auf die eher „herkömmlichen“ Hörgewohnheiten der Konsumenten, die man durch die äußerst melodischen Songs „Believe Me“ und „Sentimental Heart“ zunächst sehr vielversprechend an die spezielle musikalische Ausrichtung des Musikers geführt hat, hätte es nicht geschadet, den Fokus auf Stärken jener anfänglichen Titel zu legen.

Denn die Tracks auf „June“ haben die eher experimentellen Zusätze oder allzu hohen Tonlagen, die dazu neigen, in den Ohren wehzutun, gar nicht nötig. Je reduzierter Wyne Garden hier zu Werke geht, desto lässiger und leichter kommen die Titel bei den Hörern an.
Während die Atmosphäre der meisten Songs also zum Hören mit Kopfhörern verleitet, ist dies durch die schrillen Spielereien mit den Tonhöhen nur bedingt anzuraten. Ein Trostpflaster ist die Tatsache, dass Wyne Garden diese Einsprengsel oftmals ans Ende eines Titels platziert hat.

Wyne Garden (Foto: Beene Schirmer | Bildbearbeitung: Marcel Waigand)

Wyne Garden (Foto: Beene Schirmer | Bildbearbeitung: Marcel Waigand)

Neben „Washing The Dishes“ ist mit dem Titeltrack „June“ ein weiteres Instrumentalstück auf der EP vertreten. Ein psychedelischer Touch haftet der Nummer an, die sich trotz kurzer Laufzeit von 2:37 Minuten allerdings doch sehr in die Länge zieht. Aus Wiederholungen bestehend, lassen ebenjene keinen Platz für Überraschungen, die der Track stellenweise dringend benötigt hätte. Was als Auflockerung zwischen den Songs mit Gesang begann, endet somit in Belanglosigkeit. Gerade vom Titeltrack hätte man deutlich mehr erwartet.
Davon abgesehen sind zwei Instrumentalstücke auf einem Rundling mit „nur“ sieben Songs – vor allem angesichts der außergewöhnlichen Stimme Wyne Gardens – mindestens einer zu viel. Viel lieber hätte man stattdessen dem Gesang gelauscht, der perfekt zur hier gewählten Stilart passt.

Schade, dass der Musiker sich im Verlauf seiner EP verstärkt an Lo-Fi-Liebhaber richtet und es dadurch versäumt, auch jene Hörer abzuholen, die erst noch langsam an diese stilistische Ausrichtung herangeführt werden müssen. Eingeladen werden diese dazu vor allem in der ersten Hälfte des Rundlings, denn tolle Melodien und Stimmungen der ersten Songs dürften auch viele ansprechen, die sich normalerweise nicht auf Lo-Fi-Sounds konzentrieren. Umso enttäuschender, dass Wyne Garden genau diese Interessierten zu schnell wieder verliert.

Video

Tracklist

01 Believe Me
02 Sentimental Heart
03 June
04 You’ll Be Fine
05 Half Way Out
06 Much Better
07 Washing The Dishes

Details

Wyne Garden – Facebook

Label: Timezone Records
Vö-Termin: 25.09.2015
Spielzeit: 19:04

Copyright Cover: Timezone Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde