Review

Wie ein düster-kühler Soundtrack zu einem Independent-Kunstfilm erklingt das neue Album des Norwegers Erik Evju alias Weh mit seinen insgesamt acht Songs aus den Boxen. Doch gleich beim ersten Song „Intethet“ wird klar, für „Ingenmannsland“, so der Name des dunkel-akustischen Neofolk Werks, sollte der Hörer eher zu Kopfhörern greifen, denn erst dann kommen die zumeist leisen Töne wirklich zur vollen Entfaltung.

Leicht macht es Weh dem Konsumenten aber auch bei dieser Wahl nicht, denn als etwas störend können die unvermittelten Wechsel von lauten und leisen Klängen wirken. Nimmt man also ohne Kopfhörer nicht jede Einzelheit von „Ingenmannsland“ wahr, sorgen hörbar gemachtes Umgreifen auf dem Griffbrett der Akustikgitarre, deren mal gezupfte, mal hart angeschlagene Spielweise und der Mix aus warmem, leisem sowie plötzlich energischer vorgetragenem Gesang für eine zuweilen unangenehme Unterbrechung der sich aufbauenden Atmosphäre.

Entschädigt für diese Überraschungen, denen der Hörer unfreiwillig ausgesetzt ist, wird man allerdings mit teils sehr schönen, oft melancholischen Melodiebögen, auf die man vor allem im Opener „Intethet“ und dem Nachfolgetrack „The Second Sight“ stößt.

In „The Stars and the Moon“ schraubt Weh die gesangliche Darbietung stark zurück und begleitet den mit Schellen und Glocken angereicherten Titel lediglich durch ein Intonieren von tiefen meditativen Vokalen. Kein Text, keine weiteren stimmlichen Zugaben, der Fokus liegt auf der akustischen Instrumentierung, die – wie auf dem gesamten Album – sehr reduziert und trotzdem äußerst dicht ausfällt.

Weh (Copyright: Weh)

Weh (Copyright: Weh)

Für ruhige Augenblicke ist die Platzierung reiner Instrumentaltracks sicherlich nicht verkehrt, da Weh sein Album „Ingenmannsland“ jedoch insgesamt bedächtig und entschleunigt angelegt hat, tut es gut, im anschließenden Song „The Oath“ wieder die Stimme des Allround-Musikers zu vernehmen. Jene versteht es, einiges an Emotionen zu transportieren und verleiht den Songs eine aussagekräftigere Nuance, die allein durch die Instrumentierung nicht hätte erzeugt werden können, zumal diese Ebene durch die Dominanz der Gitarre nur wenig Abwechslung bereithält.

Bei all der genannten Kritik bleiben für „Ingenmannsland“ aber dennoch großartige 4 Sterne als Bewertung übrig. Der Grund? Weh, der sich u.a. in „Der Lå Et Hav Av Ild“ abermals auch den norwegischen Lyrics widmet, erschafft nicht nur ein in sich stimmiges Album, er schafft es außerdem, die Hörer in seine musikalische Welt zu ziehen, die einzig die Lautstärke betreffend etwas ausgewogener hätte dargeboten werden können.
Zwar mangelt es insgesamt auch an Abwechslung, doch lässt man sich auf „Ingenmannsland“ ein, stört dieser Faktor nicht nennenswert, zu gerne folgt man Wehs dunkler Stimme, entflieht dem Alltag und taucht ein in seine apokalyptisch anmutende, oft aber auch hoffnungsvoll wirkende Interpretation des Neofolk.

Tracklist

01 Intethet
02 The Second Sight
03 The Stars and the Moon
04 The Oath
05 Der Lå Et Hav Av Ild
06 Night After Day After Night
07 Ingenmannsland
08 The Great War

Details

Weh – Facebook

Label: Soulseller Records / Soulfood
Vö-Termin: 04.12.2015
Spielzeit: 36:44

Copyright Cover: Soulseller Records



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde