Review

Supergroups sind immer ein zweischneidiges Schwert: Sie bieten oft hervorragend auskomponierte Songs auf hohem spielerischem Niveau, die auf der anderen Seite aber eine – nennen wir es mal – Corporate Identity vermissen lassen und daher profillos wirken können.

Mit Waken Eyes präsentiert uns Ulterium Records nun ein Ensemble von begnadeten Musikern, die mit „Exodus“ ihr erstes Album auf die kritischen Ohren der Hörer loslassen. Bekanntestes Mitglied des Quartetts dürfte wohl Marco Minnemann (The Aristocrats, Steven Wilson, Joe Satriani) am Schlagzeug sein. Komplettiert wird die Band durch Sänger Henrik Båth (Darkwater), Mike Lepond (Symphony X) am Bass und Bandgründer Tom Frelek, der für Gitarren, Keyboards und Orchestration verantwortlich zeichnet.

Wie für eine Supergroup zu erwarten machen Waken Eyes vom ersten Ton des Albums an keine Gefangenen. Schon während des opulenten Instrumental-Intros wird klar: Hier wurde kein Take dem Zufall überlassen. Und so bietet bereits der erste Song „Aberration“ alles, was ein guter Song braucht: Luft zum Atmen, gekonnt zurückhaltende, vom Gesang dominierte Strophen, einen eingängigen Refrain und allerhand Rhythmuswechsel. Auf diese Weise entfaltet sich schnell eine tolle Stimmung aus Melancholie, Traurigkeit, Sehnsucht und einer geheimen Zutat, von der man nicht viel weiß außer der Tatsache, dass sie innerhalb von kurzer Zeit süchtig macht.

Dieses Rezept funktioniert auch hervorragend in den weiteren Songs „Deafening thoughts“, dessen Refrain sich schon mit dem ersten Durchlauf ins Hirn des Hörers brennt, und dem erhabenen „Back to life“. Deutlich wird bereits in den ersten Songs, dass Waken Eyes sich im Midtempo-Bereich sehr wohlfühlen, was der musikalischen Ausgestaltung viele Freiheiten lässt und zudem verhindert, dass die vier Musiker in nervige Powermetal-Gefilde abdriften.

Mit „Palisades“, dem fünften Track der Scheibe, erwartet uns dann aber doch der erste Uptempo Song, der nach einem 2-minütigen Intro richtig Fahrt aufnimmt und hier exemplarisch für die göttliche Gitarrenarbeit von Tom Frelek steht. Dieser beweist sein Können angenehmerweise nicht dadurch, möglichst viele Töne in möglichst kurzer Zeit zu spielen, sondern durch mitreißende mehrstimmige Harmonien und Melodien. Die dichten Gitarrenschichten sind genial emotional und sorgen dafür, dass dieser Song sogar trotz Mangel eines echten Refrains als wahres Highlight durchgeht.

Das Highlight auf dieser Scheibe ist für mich „Cornerstone away“, eine emotionale musikalische Achterbahnfahrt, die der Maxime „Weniger ist mehr“ gekonnt den Mittelfinger entgegenstreckt. Zu Henrik Båth gesellt sich in diesem Titel Sängerin Kristine Bishop, deren Stimme den Song extrem bereichert. Ansonsten ziehen Waken Eyes hier alle Register: Akustische Gitarren, voluminöse Soli, schnelle Passagen und zum Ende hin noch einmal eine Wand aus melancholisch-knarzigen Gitarren. Ein Song jenseits jeglicher Prog-Klugscheißerei, der sogar die Eier hat, nach dem Mike-Oldfieldmäßigen Schlusspart noch mal ein Outro zu setzen, was gut und gerne an Celtic Frost erinnert. Dieser Song ist schlicht und ergreifend so gut, dass ich gar nicht wissen will, wem die Band dafür ihre Seele verkauft hat! Gut, dass Waken Eyes mit „Still life“ einen Instrumental-Song nachschieben, der den Hörer aus dem Zustand der Entzückung wieder etwas herunter reißt, als wolle er sagen: „Hallo? Jemand da? Die CD läuft noch!“ Und nachdem das Endorphin auf einen Level gesunken ist, der mich wieder aufnahmefähig macht, fällt mir auf, dass der Song ziemlich stark nach Dream Theaters „Disappear“ klingt.

Ansonsten sind musikalische Vergleiche eher schwierig. Zu vielseitig ist der Stil der Truppe und vor allem die Stimmungen, die die Songs transportieren. Hin und wieder erinnert die mystisch-geheimnisvolle Grundstimmung an Arena zu ihren besten Zeiten, was vor allem der tollen facettenreichen Stimme von Henrik Båth zu verdanken ist. Dazu gesellen sich eine emotionale Intensität, wie wir sie von While Heaven Wept kennen, und eine spielerische Selbstverständlichkeit, wie sie Bands wie Dream Theater, Vanden Plas oder Threshold vermitteln. Das wirklich Tolle an dieser Supergroup ist aber, dass die individuelle Klasse immer genau das beisteuert, was der Song erfordert. Nicht weniger und glücklicherweise auch nicht mehr. Jedes Instrument, jeder Musiker, jeder Take ordnet sich perfekt dem Feeling des Songs unter und nicht umgekehrt. Alle, für die Prog bisher Showcase für Musiker mit Profilneurose war, sollten sich dieses Album zu Herzen nehmen und sich eines Besseren belehren lassen.

Waken Eyes (Copyright: Ulterium Records)

Waken Eyes (Copyright: Ulterium Records)

Dass es dennoch nicht zur vollen Punktzahl reicht, liegt einzig und allein am letzten Track, dem 19-minütigen Titelsong, der für mich die einzige kleine Enttäuschung auf diesem tollen Album ist. Es scheint mir so, als hätten Waken Eyes sich hier selbst den Druck auferlegt, den progressiven Gefilden angemessen auch einen opulenten, möglichst langen Track beizusteuern. Leider mag der Song die angemessene Spannung nicht so recht aufrechterhalten und dümpelt ohne Wiedererkennungswert etwas vor sich hin. So tischen uns die vier Musiker nach 60 Minuten musikalischem Gourmet leider noch mal 20 Minuten Dessert auf, der das vorher gezeigte Niveau leider nicht halten kann. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Auch in diesem Song gibt es gute Musik zu bewundern, aber vielleicht wäre es besser gewesen, die Ideen auf drei einzelne Songs aufzuteilen oder ihn einfach weg zu lassen und sich mit 60 Minuten zu begnügen.

Nichtsdestotrotz zählt dieses Album zu den Überraschungen des Jahres. Zugreifen sollten hier diejenigen, die auf hochwertiges, anspruchsvolles Songwriting mit tollen Melodien stehen, denen gewöhnlicher Prog-Metal aber zu verkopft ist. Mir scheint, diese Zielgruppe ist gar nicht so gering. Alle verfügbaren Daumen hoch für dieses Album.

Video

Tracklist

01 Cognition
02 Aberration
03 Deafening Thoughts
04 Back To Life
05 Palisades
06 Cornerstone Away
07 Still Life
08 Arise
09 Across The Horizon
10 Exodus

Details

Waken Eyes – Homepage
Waken Eyes – Facebook

Label: Ulterium Records
Vö-Termin: 30.10.2015
Spielzeit: 78:00

Copyright Cover: Ulterium Records



Über den Autor

Tim
Je länger man kaut, desto süßer das Brot!