Review

Dieses Jahr offenbart das Genre des Mittelalterrock scheinbar ein hörenswertes Album nach dem nächsten. Ob Nachtgeschrei mit „Staub und Schatten“, Saltatio Mortis mit „Zirkus Zeitgeist“ oder Krayenzeit, die „Auf dunklen Schwingen“ unterwegs sind, hier dürften bereits die Hörerherzen ein wenig höher geschlagen haben. Dieser Riege möchte sich auch die Band Vogelfrey mit ihrem neuen und inzwischen dritten Album namens „Sturm und Klang“ anschließen. Und alle 15 Songs des Longplayers beweisen, dass dem Sextett das mehr als solide gelingt.

Doch nicht nur die Quantität stimmt auf „Sturm und Klang“, auch qualitativ können Vogelfrey überzeugen. So reihen sich Ohrwürmer aneinander, die auch nach mehrmaligem Konsum nicht ermüdend wirken.

Zwar bedient man sich textlich dem einen oder anderen Klischee, doch geht die Band damit auf Nummer sicher, denn dies gewährleistet, dass die einzelnen Tracks schon binnen weniger Umdrehungen lauthals mitgesungen werden können. Vogelfrey können jedoch auch anders, wie zum Beispiel „Der Chirurg“ zeigt, doch dazu später mehr.

Einen starken Auftakt bieten Vogelfrey schon mit dem Song „Sturmgesang“ – und es wird deutlich: Die Titel auf „Sturm und Klang“ fallen ordentlich metallisch aus. Harte Riffs ergänzen zarte Geigenmelodien. Diese wiederum bleiben nicht permanent dezent oder dienen nur als nette Begleitmusik, sondern die Streicher spiegeln in Tracks wie „Land unter“ durch ihr aufgeregtes Spiel, das sowohl im Tempo als auch in Sachen Intensität variiert, beispielsweise gelungen den im Song besungenen „Zorn des Meeres“ wider oder unterstreichen die Dramaturgie in „Apocalypsis“ durch schwere, langgezogene Töne nahe der Grenze zur Disharmonie.

Die volle Breitseite metallischer Mittelaltermusik – oder wenn man auf Begrifflichkeiten Wert legt, nennen wir es einfach wie die Band selbst Folk Metal – kommt vor allem im Song „Bluthochzeit“ zum Tragen. Der von Doublebass-Attacken durchzogene Titel mit pfeilschnellem Riffing bietet darüber hinaus auch gesanglich ein paar gutturale Elemente.

Dass Abwechslung bei Vogelfrey großgeschrieben wird, zeigen zudem die Tracks „Hörner hoch“ und „Knochenchor“.
Ersteres ein obligatorisches Sauflied, dessen simpler Refrain auch nach übermäßigem Genuss alkoholischer Getränke noch textsicher mitgesungen werden kann, überrascht mit Seeed-ähnlichen Klangstrukturen in den Strophen. Ungewöhnlich, aber doch irgendwie passend. „Knochenchor“ weist hingegen zuweilen Reggae-Rhythmen auf. Trotz dieser stilistischen Kurztrips verlieren die Songs jedoch nichts an Härte und Genretauglichkeit.

Neben all der Metal-Ausrichtung gönnen Vogelfrey den Hörern auch kleine Verschnaufpausen in Form von Balladen. Hochemotional wird es daher mit „Nachtgesang“, vorgetragen mit extra tiefer Stimme, im akustischen Gewand gekleidet und mit einer Melodie versehen, die Gänsehaut garantiert. Dem steht auch „Im Auge des Orkans“ in nichts nach, in dem vor allem die wachsende Opulenz der Streicher überzeugt. Hier bleiben Vogelfrey jedoch nicht – wie nach dem eher gemächlichen Beginn zu vermuten wäre – akustisch und leise, sondern stöpseln die Gitarren wieder an den Strom an. Dies kommt dem Refrain zugute, in dem sich die monotoneren Strophen schließlich entladen und die Emotionen zum Höhepunkt bringen.

Vogelfrey (Copyright: Vogelfrey)

Vogelfrey (Copyright: Vogelfrey)

Apropos Höhepunkt: Na, um was geht es wohl in dem Song, der mit Verszeilen wie „Stück für Stück dring ich tiefer in dich ein. (…) Am tiefsten Grund beim höchsten Ton zieh ich mich zurück. Du wirst mein – Stück für Stück“ aufwartet? Richtig, um den „Chirurg“; ein Schelm, der jetzt etwas anderes dachte. Diese sadistische Ode an die wohl eher selten besungene und hier ein wenig fanatisch dargestellte Berufsgruppe überzeugt aber nicht nur mit zeitweiliger inhaltlicher Doppeldeutigkeit, sondern vor allem durch die erneut gelungene Harmonie zwischen Härte und Streicherarrangement.

Ein weiteres Highlight kommt außerdem noch mit „Rolling Home“ daher. Solide Rockriffs und eine quirlige Geige machen den Titel zum Dauerbrenner.

Es bleibt bei dem derart gelungenen Album also nichts weiter, als die Höchstwertung zu verkünden und der Band zu diesem Volltreffer zu gratulieren, der sich auch in Dauerschleife hervorragend schlägt.

Video

Tracklist

01 Sturmgesang
02 Tandaradei!
03 Hörner hoch
04 Abschaum
05 Gold
06 Strohfeuer
07 Nachtgesang
08 Apocalypsis
09 Land unter
10 Der Chirurg
11 Rolling Home
12 Im Auge des Orkans
13 Knochenchor
14 Bluthochzeit
15 Alkoholverbot

Details

Vogelfrey – Homepage
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Label: Metalville / Rough Trade
Vö-Termin: 28.08.2015
Spielzeit: 63:19

Copyright Cover: Metalville



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde