Review

Die ersten Akkorde lassen dem Hörer direkt das Herz aufgehen. Kein Metal, kein Post-Wasauchimmer und auch kein Noise. Endlich mal keine Musiktrends der Neuzeit, sondern charmante Klänge der Anfänge. Uwe Dreysels jazziges „Mittelschichtsjunge“ mit Popinhalten kommt mit einem gewissen Witz daher. Es swingt und groovt an allen Ecken und Enden.

Monsieur Dreysels Sound kann man sich ungefähr mit dem Rhythmus von Max Raabe und einer weniger abgedroschenen Version von Roger Cicero vorstellen. Ganz klassisch mit Klavier, Kontrabass und dezentem Schlagzeug. Hinzu kommt, dass sich auch diejenigen, die sich sonst eigentlich mit ganz anderen Klängen beschallen, durchaus Gefallen an „Mittelschichtsjunge“ finden werden. Dreysel hält sich nicht gerade an musikalische Vorschriften und dadurch muss man seine Ohren nicht zwingen, hier zuzuhören. Es läuft alles flüssig durch einen durch.

Die Töne, die das Klavier ausspuckt, reichen von erheiternd bis ernüchternd. Doch zu jederzeit bilden sich angenehme Melodien, die direkt aus einer verrauchten Bar kommen könnten. „Haut an Haut“ bringt dazu noch einen schizophrenen Spagat zwischen Drama und Hoffnung. Akzente werden zusätzlich durch Blasinstrumente oder eine Orgel gesetzt.

Dreysel fügt seiner Soundexplosion dann noch eine soulige Stimme hinzu. Neben der angenehm tiefen Dezibelzahl verfügt sie über einen gewissen Wiedererkennungswert. Auffällig natürlich auch die deutschen Texte. Viele der Themen werden mit einem Augenzwinkern behandelt. „London, Rom oder Paris“ ist für mich persönlich das Highlight der Platte. Der Beat rollt nur so vor sich hin und die Hook kann man bereits nach dem ersten Hören direkt mitsingen. Verpackt werden die Lyrics auch in Uwe Dreysels eigenem Humor, der oft durch Stellen hervorsticht, in denen der Musiker irgendwie gerade Lust hatte, den Witz noch schnell in die Zeile zu quetschen. Manche Wortspiele sind jedoch sehr eigenwillig, wie z.B. jenes aus „Grüne Augen, blondes Haar“:

„[…]Danach ’nen Espresso; jetzt hab‘ ich den Tiger im Tank; ich glaube, der Espresso war von Esso [..]“

Uwe Dreysel (Copyright: Wuppertaler Bühnen)

Uwe Dreysel (Copyright: Wuppertaler Bühnen)

Das ist so billig und bescheuert, dass man einfach kurz auflachen muss. Überhaupt wird auf „Mittelschichtsjunge“ viel mit Metaphern gearbeitet. Einzige Schwächen kommen im Titel „Friederike“ zum Tragen. Die Reime und allgemein der Text klingen einfach viel zu einfallslos im Vergleich zum Rest.

Aber wo Licht ist, ist auch Schatten. So befasst sich Dreysel außerdem mit emotionaleren Themen wie die Beziehung zu anderen Menschen oder Gefühlen im Allgemeinen. Bei „Auch Huren haben Gefühle“ geht es entgegen jeder Erwartung nicht etwa um Prostitution, sondern mehr um den Vergleich mit dem vermeintlichen Gefühl ausgenutzt worden zu sein. An dieser Stelle bleibt natürlich eine Menge Freiheit für Interpretationen.

„Mittelschichtsjunge“ klingt durchgehend gut und verbreitet (an den entsprechenden Stellen) gute Laune. Es gibt bis auf kleinere Ausnahmen kaum etwas an dieser Platte zu bemängeln. Vorausgesetzt man priorisiert diese Art von Musik oder ist generell offen für andere Richtungen. Dazu klingt Uwe Dreysel nicht nach einer Generationenschublade, die nur Leute einer bestimmten Altersgruppe hören. Besonders der schwarze Humor, der dem Hörer immer wieder über den Weg läuft, frischt „Mittelschichtsjunge“ regelmäßig auf. Musikalisch einwandfrei und mit einer Menge guter Ideen, die auch genauso gut umgesetzt werden.

Video

Trackliste

01 London, Rom oder Paris
02 Grüne Augen, blondes Haar
03 Das Mädchen
04 Dein Herz ist ein Dealer
05 Ich muss nichts mehr träumen
06 Friederike
07 Auch Huren haben Gefühle
08 Ich liebe einen Typen
09 Haut an Haut
10 Zimmer Nummer
11 Mittelschichtsjunge
12 Man muss ja nicht verraten
13 Bist du wieder hier

Details

Label: Timezone Records
Vö-Termin: 27.02.2015
Spielzeit: 53:05

Copyright Cover: Timezone Records



Über den Autor

Christopher