Review

Ihr drittes Album „Venus Luzifer“ schlug 2014 sowohl bei uns in der Redaktion als auch in den Deutschen Alternative Charts ein wie eine Bombe. Keinen Deut schlechter schneidet nun auch ihre EP „Schweigen / Seelenblind“ ab. Und wem der Doppeltitel nun schon bekannt vorkommt, der täuscht nicht, denn sowohl „Schweigen“ als auch „Seelenblind“ sind Songs, die bereits auf „Venus Luzifer“ verewigt wurden, jetzt aber als Singles präsentiert und um zusätzliche Remixversionen ergänzt werden.

Damit nicht genug, gibt es zudem die beiden vom noch aktuellen Album bekannten Tracks „Das Denkmal fällt“ und „Neugeboren“ in einer Remixvariante zu hören, während Unzucht außerdem mit zwei neuen, bisher unveröffentlichten Titeln („Die Dialektik des Schreckens“ und „Ein letzter Gedanke“) vorstellig werden.

Das macht acht Songs insgesamt, die Unzucht auf „Schweigen / Seelenblind“ unters Volk jubeln und „jubeln“ ist auch das Stichwort, denn während die neuen Songs die Stärken der Band aus Niedersachsen auf ein Neues betonen, sorgen die Remixes für reichlich, aber in sich stimmige Abwechslung, sodass „Schweigen / Seelenblind“ zum Repeathören einlädt und mehr als überzeugt.

Die Freude des Hörers beginnt bereits mit dem Opening durch die beiden titelgebenden Singles. Noch kein merklicher Mehrwert gegenüber dem Album „Venus Luzifer“ schließen sich dann prompt die neuen Titel „Die Dialektik des Schreckens“ und „Ein letzter Gedanke“ an, die den Kaufanreiz schließlich fördern.

„Die Dialektik des Schreckens“ brilliert nicht nur durch intelligente Lyrics, sondern auch durch eine wunderbare Songentwicklung. Abermals ist es die Kombination von Härte, Melodiestärke und Eingängigkeit, die den „Dark Rock“ von Unzucht ausmacht. So gibt man dem Hörer gleich zu Beginn des Tracks ordentlich Drum- und Riffpower auf die Ohren, um in Refrainnähe Tempo und Härte etwas herauszunehmen und schließlich im sofort mitsingbaren Chorus zu münden, der dicht und mit balladesk anmutender Melodie daherkommt.
Wie schon von „Schweigen“ und „Seelenblind“ bekannt, passt auch in diesem Track die Stimme von Sänger Der Schulz hervorragend zum Sound der Band.

Wabernde, dezente Elektronik leitet in „Ein letzter Gedanke“ ein und findet sich als Akzentsetzung (statt vordergründig platziert) zudem im weiteren Verlauf des Tracks, der jedoch von Gitarren und Schlagwerk dominiert wird. Eine gutturale Zwischensequenz, u.a. begleitet von dumpf-bedrohlichem Drumming, integriert sich in den ansonsten recht optimistisch stimmenden Song, dessen Ohrwurmpotenzial nicht von der Hand zu weisen ist.

Nach den Singles und den beiden neuen und rundum gelungenen Songs, ist die Arbeit für Unzucht vorerst erledigt, sodass das Quartett im Folgenden andere für sich arbeiten lässt. Darunter u.a. Death Valley High aus San Francisco, die als Support den ersten Teil der „Venus Luzifer“-Tournee begleitet haben, und Erdling, die als Supportband für den kommenden zweiten Teil der Tour fungieren werden.
Death Valley High nahmen sich den Song „Seelenblind“ vor und verpassten ihm einen sehr rohen Sound. Insgesamt wirkt der Titel damit ziemlich reduziert, setzt auf verstärkte elektronische Finessen und stellt den Gesang deutlich in den Mittelpunkt.
Konträr interpretieren Erdling, bestehend aus ehemaligen Stahlmann-Mitgliedern, „Neugeboren“, dem man ein auffallendes NDH-Gewand verpasst hat. Insgesamt kommt man dem Stil von Unzucht jedoch recht nah, Fans der Band dürften daher mit dieser Remixfassung durchaus zufrieden sein.

Unzucht (Copyright: Axel Jusseit)

Unzucht (Copyright: Axel Jusseit)

Beim ersten Konsum vielleicht noch gewöhnungsbedürftig, letztlich aber auf ganzer Linie interessant und unterhaltsam hebt sich der Roboz-Mix des Songs „Das Denkmal fällt“ vom Rest der EP ab. Was an Electro-Spielereien geht, wurde hier scheinbar angewendet. Um das Ganze nicht zu sehr in die Dance/Techno Schiene abdriften zu lassen, mischen sich dubstepartige Anleihen ebenso unter die Beats wie harsche Electro- und Zerrsounds.

„Schweigen / Seelenblind“ geht ins Ohr und setzt sich dort auch sofort und für lange Zeit fest. Selbst jene Hörer, die mit Remixversionen eigentlich nicht viel anfangen können, werden hier Gefallen an den unterschiedlichen zusätzlichen Interpretationen finden. Doch die EP spricht nicht nur die Ohren, sondern zudem auch die Augen an, denn erneut zeigt sich (Foto)Künstler Stefan Heilemann für das Cover des Silberlings verantwortlich – und das kann sich genauso sehen wie die darauf zu findenden Song hören lassen. Kritiklose Höchstwertung für das kompakte Gesamtpaket!

Tracklist

01 Schweigen
02 Seelenblind
03 Die Dialektik des Schreckens
04 Ein letzter Gedanke
05 Seelenblind (Death Valley High Remix)
06 Neugeboren (Erdling Remix)
07 Schweigen (Bells Into Machines Remix)
08 Das Denkmal fällt (Roboz Remix)

Details

Unzucht – Homepage
Unzucht – Facebook

Label: NoCut
Vö-Termin: 21.08.2015
Spielzeit: 35:46

Copyright Cover: NoCut



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde