Review

Es ist wieder an der Zeit für Unzucht!

Unlängst entfesselte die Band um Sänger Daniel Schulz ihren „Kettenhund“ und gab damit einen gelungenen Vorgeschmack auf das neue Album, das unter dem Namen „Neuntöter“ nun das Licht der Welt erblickt. Bereits die ersten Töne der Single verrieten, dass Unzucht nun weitaus härter als bisher agieren. Und so wundert es nicht, dass „Neuntöter“ einen facettenreichen, mit elektronischen Zugaben angereicherten Dark Rock beherbergt, der die Hörer mit Härte und Aggression konfrontiert, nur um sie dann in einem folgenden Titel hin zu emotional-balladesken Momenten (beispielsweise begleitet durch Pianoklänge) zu führen.

Verfolgen kann man dieses gut gemachte und stets zündende Wechselspiel auf elf Songs, während Besitzer der Deluxe-Doppel-Disc zusätzlich in den Genuss von sechs weiteren Tracks kommen werden, denn die in dieser Veröffentlichungsvariante enthaltene Bonus-CD, die gleichsam Grundlage unserer Besprechung ist, umfasst weiteres unveröffentlichtes Material und Remixe.

Bevor es zum Unzucht-Nachschlag kommt, stehen aber erst einmal besagte elf reguläre Songs auf dem Programm, die schon mit dem Opener „Der dunkle See“ deutlich machen, mit wem es die Hörer zu tun haben. Deutsche Texte, fern von mutwilliger oder gezwungener Reimerei, dafür mit nötiger Tiefe versehen, werden begleitet vom Unzucht-typischen Sound, der trotz der teilweise zunehmenden Härte immer noch die klare Handschrift der Band trägt und alle Trademarks und Stärken einstiger Veröffentlichungen vereint.

Mit großen Melodien und einer herausragenden Eingängigkeit holen die Songs ihre Hörer umgehend ab und begleiten sie auch nach dem Hördurchlauf noch lange Zeit. Die damit oftmals einhergehenden Gänsehautmomente werden auch durch harte Gitarrenriffs, druckvolles Drumming oder den Einsatz von Shouts, Growls oder Zerrsounds nicht unterbunden, sondern gewinnen durch diese Elemente vielmehr an Intensität. Damit bleibt „Neuntöter“ – egal ob hart oder zart – zu keinem Zeitpunkt wirkungslos und sorgt nonstop für Ohrwurmgaranten.

Jene schaffen zudem häufig den Spagat, Härte und Emotionalität in nur einem Track zusammenfließen zu lassen, wie u.a. „Lava“ gekonnt unter Beweis stellt, in dem vor allem die Gitarren und Drums den treibenden Charakter des ansonsten gefühlvollen Titels hervorrufen. Insgesamt legen Unzucht ihre Tracks auf „Neuntöter“ (allen voran „Ein Wort fliegt wie ein Stein“) des Öfteren sehr entwicklungsfreudig an. Rhythmus- und Melodiewechsel sowie eine damit verbundene emotionale Berg- und Talfahrt verschaffen dem Album Abwechslung und Spannung, was zum mehrmaligen Hören einlädt und den Silberling auch nach Dauerrotationen nicht langweilig werden lässt.

Rückt der Drummer einer Band besonders bei Livekonzerten meist (und allein schon aufgrund seiner Bühnenpositionierung) etwas in den Hintergrund, sei er – in diesem Fall Toby Fuhrmann – an dieser Stelle explizit erwähnt, denn sein Drumming fällt auf „Neuntöter“ definitiv auf. Dafür verantwortlich sind nicht unbedingt extravagante Spieltechniken; doch vor allem zu den treibenden Nummern des Albums trägt Fuhrmann mit seinen Schlagstöcken eine gehörige Portion Dynamik bei und verschafft sich dadurch Gehör. Zusätzlich gut in Szene gesetzt durch die kraftvolle, satte Produktion.

Eine Frage des individuellen Geschmacks wird die Ballade „Tränenmeer“ der Bonus-Disc sein, die sicherlich viele zu sehr an Unheilig erinnern wird. Kein schlechter Song, aber das können Unzucht weitaus besser – und belegen dies mit dem rührenden Track „Schlaf“, der in Kombination mit Schulz‘ charakteristischer Stimme kaum ein Auge trocken lassen wird.

Unzucht (Copyright: Tom Row)

Unzucht (Copyright: Tom Row)

Apropos Bonus-Disc: Darauf wird man nicht nur auf unveröffentlichtes unzüchtiges Material treffen, sondern auch auf Dave Grunewald von Annisokay und Chris Harms von Lord of the Lost, die sich als featured Artists die Ehre geben und den Titeln „Widerstand“ und „Ein Wort fliegt wie ein Stein“ auf gesanglicher Ebene ihre eigene Note verpassen.

Wer mit „Kettenhund“ schon einen ersten positiven Eindruck des neuen Albums erhalten und Lust auf mehr bekommen hat, wird überrascht sein, dass jener Titel zwar einer der härteren, jedoch nicht unbedingt einer der stärksten auf „Neuntöter“ ist. Als Appetizer gut ausgewählt, verrät er daher noch nicht, mit welcher Macht „Neuntöter“ die Hörer und Fans der Band überrollen kann und wird. Ein Album, das keinen Platz für Lückenfüller oder Enttäuschungen lässt und ein Muss für all jene darstellt, die auch nur entfernt mit der stilistischen Ausrichtung etwas anfangen können.

Tracklist

CD 01:
01 Der dunkle See
02 Widerstand
03 Lava
04 Kettenhund
05 Hinter Glas
06 Ein Wort fliegt wie ein Stein
07 Judas
08 Neuntöter
09 Schlaf
10 Piotrek
11 Splitter

CD 02:
01 Parasomnia
02 Tränenmeer
03 Das Lächeln der Gewinner
04 Widerstand feat. Dave Grunewald (Annisokay)
05 Ein Wort fliegt wie ein Stein feat. Chris Harms (Lord Of The Lost)
06 Ein Tag wie jeder andere (Robert Andrew Bowman Remix)

Details

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Label: Out of Line Music
Vö-Termin: 02.09.2016
Spielzeit: 45:43 + 27:45

Copyright Cover: Out of Line



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde