Review

Ich liebe den Underground. Die Verbreitungsmöglichkeiten von Musik sind in den letzten 15 Jahren nahezu explodiert, dem Internet sei Dank. Man wird fast täglich mit Künstlern, von denen kaum jemand je etwas gehört hat, beworfen und weiß gar nicht, was man zuerst hören, geschweige denn, wo man die hart verdienten Kohlen lassen soll. Das kann bisweilen durchaus ernüchternd sein, Überangebote sind schließlich selten attraktiv. Wenn man nicht gerade zu den Nasen gehört, die mit einem Archiv aus 50.000 mp3’s – zweifelhafter Herkunft – prahlen, sondern tatsächlich noch gewillt ist für Musik zu bezahlen, aus welchen Gründen und für welche Formate auch immer, sind das tagesaktuelle Probleme. Willkommen in meinem Leben.

Nun öffnet man an irgendeinem Morgen am Wochenende halb verpennt den Mailaccount und stolpert über eine unscheinbare Nachricht, in der ein Album schlummert … und zwar „Never“ von Universe217. Noch nie gehört. Kurz angestreamt und nach knapp einer Minute klickt der Verfasser dieser Zeilen auf download. Das passiert nicht oft.

Universe217 kommen aus Athen und mit „Never“ publizieren sie ihren mittlerweile dritten Longplayer; bereits 2013 in Eigenregie veröffentlicht und diesen September über Ván Records re-released. Universe217 spielen Doom, mit weiblichem Gesang. Irgendwo zwischen A Storm Of Light und Type O Negative walzen sich diese vier Griechen durch teils steinige Wüsten und hinterlassen dabei Fußspuren wie Krater. Kernpunkt der Musik ist zweifelsohne Vokalistin Tanya, die zwar nicht immer jeden Ton akkurat trifft, aber dafür fantastische Emotionen transportiert, was dieser Band mit Sicherheit das Gesicht aufsetzt. Das ist einfach echt, authentisch, natürlich, direkt nach vorn. Rock in seiner reinsten Form.

Bereits mit dem Opener „Mouth“ zeigt die Band in fünf knappen Minuten, wie sie ihren Sound definiert. Weite Klangsphären, walzende Down-Tempo-Riffs, ohne in Klischees zu verfallen. Weder retro noch stoner, sondern brachial, epochal, mit einer Prise Southern-Charme und dem Willen nach einem eigenen Sound. Langsam stichelnde Ride-Glocken, dröhnende Akkorde und dennoch viel Raum für Gesang. Universe217 erfinden das Rad gewiss nicht neu, so schimmern gelegentlich diverse Anlehnungen durch, wie einige Deftones-Grooves aus besten „Adrenaline“-Zeiten in „Mark My World“ oder „Stay“, etwas Post-Rock in „Gravity“, etwas alte Crowbar in „Enter“, aber immer mit Endzeit-Stimmung auf Maximum.

Universe217 (Copyright: Universe217 & Innu)

Universe217 (Copyright: Universe217 & Innu)

Das Album wirkt dennoch niemals plakativ, im Gegenteil, so wird spätestens nach dem dritten Song klar, dass hier die reinste Hit-Maschine am Werk ist, denn Tracks wie „Mouth“, „Enter“, „Harm“ oder „Mark My World“ wird man sich nach einigen Hördurchgängen schon aggressiv aus den Gehörgängen fräsen müssen. Mit dem zehnminütigen „She“ hat man auch gleich noch einen absoluten Über-Song ins Format gepresst.

Der Tag, an dem ich besagte Mail öffnete, war gewiss ein guter Tag. Universe217 sind für mich eine Entdeckung, die jeder Fan der vertonten Schwerfälligkeit machen sollte. Solch epochal vorgetragene Hymnen im Lava-Gewand tropfen nicht jeden Tag aus der Anlage. „Never“ ist eine wahre Perle im Veröffentlichungsdickicht und ein Pflichtkauf für all jene, die Freude an experimenteller, wuchtiger Heavyness haben. Bitte mehr davon!

Tracklist

01 Mouth
02 Enter
03 Mark My World
04 Stay
05 Gravity
06 Harm
07 She
08 Electrified
09 Never

Details

Universe217 – Facebook
Universe217 – Bandcamp

Label: Ván Records
Vö-Termin: 26.09.2014
Spielzeit: 44:03

Copyright Cover: Universe217 & Ván Records



Über den Autor

Emu
Emu
“Only nothing is impossible.” - Grant Morrison