Review

Schön, nach acht Stunden auf-flackernden-Bildschirm-Starren nach Hause zu kommen und auf eine Hörprobe namens „Keine Arbeit Lieber Tanzen“ zu stoßen. Manche Leute versuchen wohl, mit Kultur das Bruttosozialprodukt zu steigern?! Und was ist das für ein Cover? Wurde da eine kitschige Kinderzimmertapete über den Kopierer gezogen?

Ok, man sollte auch nicht zu lange auf einem Albumtitel herumhacken, denn um fair zu bleiben, seit „Punkopa“ und „Dummheit sticht Armut“ habe ich mich wirklich auf die neue Platte von Tubbe gefreut.

Wer das Duo aus München noch nicht kennt, hier eine kleine Zusammenfassung ihres Sounds: „Ein bisschen Bass muss sein“ und „Hooorave“. Also quasi eine grobe Mischung aus Frittenbude und Tomte. Sprich, deutscher Indie trifft auf rhythmische Synthis.

Und besonders Letztere legen auf „Sechzehn Zwerge“ sofort los, ihre pulsierenden Elektroarme um die Ohren des Hörers zu legen. Daran wird man sich bis zum zehnten Song auch gewöhnen müssen. Was nicht allzu schwerfällt, denn die Beats sind, bis auf wenige Ausnahmen, nicht zu abgefahren. In diesem Rave-Meer kommt allerdings auch das eine oder andere Gitarrenriff in Sicht. Überwiegend groovig und dezent.

Die eben erwähnten Songs „Punkopa“ und „Dummheit sticht Armut“ bilden im Verlauf der Platte unter anderem die Highlights. Erster wegen des Instant-Ohrwurms und zweiter wegen der überzeugenden melancholischen Grundstimmung.
Weiterhin gibt es Titel wie „In Berlin“, die erst nach dem zweiten Mal Hören richtig zünden, da man hier mehr auf den Text achten muss. Es ist irgendwie eine Art Anti-Loblied auf eine Stadt, die mit Klischees nur so überfüllt ist. Kurze lyrische Darstellung:

„Hafen ohne Flug gebaut – egal, solange jemand schaut“

entweder wie hier suggestiv oder einfach nur plump wie

„Die Straßen voll – Die Taschen leer – Ey du Opfer – Jacke her!“

Besonders hervorstechend ist der leicht androgyne Gesang. Manchmal hat man das Gefühl, dass sich zwischendurch ungewollt etwas Soul in die Stimme einschleicht. Und wie es so für Texte im Indie üblich ist, werden viele Gedanken und Metaphern zusammengeschmissen und der Hörer muss sich oft selbst denken, was genau gemeint ist. Dennoch zeigt man sich auf „Keine Arbeit Lieber Tanzen“ bilingual und die Ohren treffen auch auf Songs in englischer Sprache. Dadurch wird ein anderes Hörerlebnis geschaffen, da z.B. „Summer Back“ oder „Yes We Can’t“ mehr nach reinem Pop klingen und sich von dem Indie-Anstrich des restlichen Albums abgrenzen. Etwas, was mich beim ersten Durchlauf gestört hat, weil ich finde, dass die deutsche Sprache Tubbe deutlich besser steht. Aber ob man das nun genauso sieht oder nicht, muss man für sich selbst entscheiden. Zähneknirschend muss ich allerdings zugeben, dass ich im Nachhinein „Yes We Can’t“ fast so oft angespielt habe wie „Betonmeer“.

Tubbe (Copyright: Moritz Grießhaber)

Tubbe (Copyright: Moritz Grießhaber)

Überleitung zu ebendiesem Song. An ihm stimmt wirklich alles. „Betonmeer“ hat ein lässiges Riff über einem harmonischen Beat und einer Hook, die einen grinsend mitsingen lässt.

„[…]Babyboom – Damenklo – Alle Macht dem Risiko […]“ – Lassen wir das einfach mal so stehen.

Man könnte noch so viel aus „Keine Arbeit Lieber Tanzen“ zitieren, aber das würde einem als unvorbereiteten Hörer nur den Spaß nehmen. Zusammenfassend trifft dieses Album die emotionale Schiene, ohne zu vergessen, eine gesunde Portion Humor hintendran zu hängen. Tubbe kreieren in ihrem Rausch Erzeugnisse, die abwechselnd mal nach Indie, mal nach Pop oder einer Kombination aus beidem klingen. Fans von ausschweifendem Indie und natürlich Tubbe-Anbeter kommen an dieser Platte nicht vorbei. „Keine Arbeit Lieber Tanzen“ ist klasse und gehört auf jeden Fall ins CD-Regal.

Video

Trackliste

01 Sechszehn Zwerge
02 Punkopa
03 Summer Back
04 Good Days
05 Dummheit sticht Armut
06 In Berlin
07 Yes We Can’t
08 Tagelöhner
09 Betonmeer
10 Die Nacht zum Tag

Details

Tubbe – Homepage
Tubbe – Facebook

Label: Audiolith
Vö-Termin: 13.03.2015
Spielzeit: 41:22

Copyright Cover: Audiolith



Über den Autor

Christopher