Review

Mit Songs wie „Why does it always rain on me“ oder „Sing“ sind sie in die Pop-Geschichte eingegangen. Als prototypisches Beispiel für den leichten und dabei doch immer auch etwas melancholischen Sound des sogenannten Brit-Pops können sie auf eine lange, erfolgreiche Karriere zurückblicken, der sie nun mit dem achten Studioalbum „Everything At Once“ die Krone aufsetzen wollen: Travis. Doch ob dieser Silberling wirklich „alles auf einmal“ kann, ist fraglich.

Mit dem freundlich-ruhigen Opener „What will come“ eröffnen die vier ursprünglich aus Glasgow stammenden Herren ihre Platte in gewohnter Manier. Die klassischen Instrumente zusammen mit der wunderschönen Stimme des Frontmanns Fran Healy empfangen den Hörer mit offenen Armen. Jedoch endet das erste Stück nach bereits nicht ganz drei Minuten.

Travis (Copyright: Travis)

Travis (Copyright: Travis)

Gern hätte es noch länger gehen können, doch es knüpft bereits das für Travis schon fast euphorisch galoppierende „Magnificent Time“ an. Der Name ist Programm, im Refrain wird geklatscht, der Chorus erklingt aus mehreren Kehlen und insgesamt ist der Song ein Gute-Laune-Garant. Und gerade, als man sich eingegroovt hat, tut die Band es schon wieder: Noch bevor die drei Minuten auf der Uhr abgelaufen sind, lassen sie den Song fast schon abrupt ausklingen und gehen zum nächsten über.

„Radio Song“ kommt mit mehr Gitarren- und Schlagzeug-Einsatz deutlich rockiger und ernster vom Sound daher. Dass Travis diesen Klang verstehen, ist nicht neu. Sie wissen was sie können, müssen nicht mehr herumprobieren, sind in sich angekommen. Doch das scheint für Healy, Dunlop, Payne und Primrose auch zu bedeuten, dass die Songs in radiofreundlicher Länge genügen würden. Denn sowohl der dritte, als auch der vierte Track „Paralysed“ entsprechen diesem Schema. Dieser hat jedoch pompöse Streicher und einen Backgroundchor im Gepäck, womit der akustisch-orchestrale Sound aus dem bisherigen Album deutlich heraussticht. Diese interessante Nuance setzt sich im darauffolgenden „Animals“ fort, welcher der erste Song ist, der sich und dem Hörer etwas mehr Zeit lässt. Hier wird Healys weiche Stimme von einer kernigen Gitarre und sanften Violinen begleitet. Der klassische Pop-Rock-Song macht alles richtig, aber wagt dabei auch nicht viel.

Das erste Mal aus ihrer Safety-Zone brechen die Briten mit dem Namensgeber des Albums „Everything At Once“ aus. Das Stück, welches gleichzeitig die erste Single ist, hört sich ungewöhnlich elektronisch an und verlockt Healy in den Strophen sogar zu einem schnellen, akzentuierten Sprechgesang, während der Refrain wieder hymnische Züge annimmt. Damit geht das Lied gut ins Ohr und hätte gern noch etwas länger dauern dürfen. Denn auch hier hat die Band den Düsenjet angeworfen und rast durch Strophen, Bridge und Refrains. An den ungewöhnlichen Klang schließt sich mit balladesken Akustikgitarrenriffs und sphärischen Keyboardakkorden im Hintergrund die zweite Singleauskopplung „3 Miles Away“ an. Ein hübscher Song, eine runde Sache, aber manchmal sehnt man sich auch nach Ecken und Kanten.

Doch diese bringt auch der achte Titel „All of the Places“ nicht mit sich, sondern plätschert leise und entspannt am Hörerohr vorbei, ohne sich darin festzukrallen. Es schmeichelt, es ist Balsam für gestresste Denker, denn hier darf man einfach nur sein, ohne gefordert zu werden. Jedoch bleibt dadurch der Genuss etwas auf der Strecke.

Der als aufgeräumter Popsong daherkommende vorletzte Track „Idlewild“ mutet zunächst nicht anders an, macht allerdings einen entscheidenden Schritt: Er bringt mit der Soulsängerin Josephine Oniyama im Refrain eine neue Farbe in den Song, die Healys reduziertes Auftreten hier perfekt ergänzt und dem Ganzen einen süßen, wehmütigen Geschmack verpasst. Mehr Tracks dieser Art hätte das Album haben dürfen!

Als hätten Travis dieses Gefühl selbst gehabt, entlassen sie den Hörer mit dem zehnten Song „Strangers on a Train“ auf ähnliche Art und Weise aus dem Album. Klavier und rhythmisches Klatschen eröffnen ihn und begleiten die getragene Melodie. Langsam aufbauend steigert sich der Song, ohne künstlich in die Länge gezogen zu wirken, bis er schließlich in einem emotionalen Finale gipfelt, das aus dem Album sanft hinausträgt. Doch dann bricht der Song fast plötzlich ab. Und das war es mit „Everything At Once“.

Travis (Copyright: Travis)

Travis (Copyright: Travis)

Alles auf einmal wollte die Band. Den bekannten Sound darbieten, keine Experimente, echte, handgemachte Musik und Gefühl. Doch genau Letzteres bleibt leider zaghaft. Der Ansatzpunkt, ein Album zu produzieren, das von vornherein radiotauglich ist, scheint zwar logisch, aber Logik ist selten gefühlvoll. Und so nehmen Travis sich und ihren Songs leider ein gutes Stück des Potenzials, indem sie ihnen keine Zeit zum Wachsen und Gedeihen lassen.

„Everything At Once“ ist somit angenehm zu hören, ein schöner Zeitvertreib – aber leider kein Evergreen und auch kein Ohrwurm. Mit ihrem 20-jährigen Bühnenjubiläum hat die Band viel Erfahrung gesammelt, mit der man ruhiger, geduldiger und entspannter wird. Sie müssen nichts mehr beweisen, allerdings tut das der Musik nicht immer gut. Und so lockt das Album wohl keine neuen Fans an, wird die alten aber immerhin auch nicht verprellen.

Anspieltipps
Paralysed / Everything At Once / Idlewild

Tracklist

01 What will come
02 Magnificent Time
03 Radio Song
04 Paralysed
05 Animals
06 Everything At Once
07 3 Miles Away
08 All of the Places
09 Idlewild
10 Strangers on a Train

Details

Travis – Homepage
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Label: Red Telephone Box / Caroline / Universal Music
VÖ-Termin: 29.04.2016
Spielzeit: 33:19

Copyright Cover: Red Telephone Box / Caroline



Über den Autor

Silvana
A Cat is Purrfect.