Review

Winter, Minusgrade und ein Doom-Album aus den tiefen Weiten der norwegischen Wälder: Die neue Scheibe „Vargariis“ des Trios Tombstones aus Oslo sollte eigentlich bestens zur aktuellen Großwetterlage passen. Düsterer soll sie sein, norwegischer und vor allem doomiger, eine kalte Rundreise durch dunkle nordische Gefilde, deren Eindrücke durch das Coverartwork mit finsterem Wald und okkulten Figuren noch verstärkt werden. Hippie-Doom war gestern, „okkult“ ist das Gebot der Stunde! Genug Argumente also, um sich mit den Tombstones auf eine musikalische Sightseeing-Tour durch ihre soundgewaltige Welt zu machen. Dabei kann ich eines gleich vorwegnehmen: Die Band weicht anno 2016 in vielerlei Punkten von ihrer bisherigen Sludge-Route ab.

In einem Punkt ist dem Hörer von „Vargariis“ dabei sehr schnell klar, wohin die Reise geht: Die Produktion ist roher und direkter als auf früheren Scheiben und könnte glatt live im Studio aufgenommen worden sein. Das funktioniert beim wuchtigen Opener „Barren Fields“ wunderbar. Der Song räumt in Gestalt eines Schneepfluges einfach alles weg, was sich ihm in den Weg stellt.

Die erste Sehenswürdigkeit „Produktion“ ist damit abgehakt … und soll leider auch eine der wenigen Attraktionen auf diesem Album bleiben. Je länger die wilde Fahrt mit den Norwegern dauert, desto öfter frage ich mich: „Sind wir hier wirklich richtig?“ Zu wirr wirkt dieser Ausflug in düstere Doomgefilde und zu konstruiert die Songs. Es erinnert alles ein bisschen an „Spielen nach Navi“, die Songs biegen mal links ab, mal rechts ab, lassen aber eine klare Richtung vermissen. Wer auf diesem Album einen Song wiedererkennen will, braucht wirklich schon einen sehr guten Orientierungssinn, denn zu generisch sind die Riffs und zu krude das Songwriting, was perfekt am Song „Oceans of Consciousness“ demonstriert wird. Eingeleitet mit einem Darkthrone mäßigen Black Metal Intro werden in den folgenden zehn Minuten nacheinander noch Viking- und Doom-Riffs aus dem Lehrbuch verwurstet. Sicher eine nette Hommage an Mutter Nord, sie funktioniert aber auf dieser CD leider gar nicht und findet ihren traurigen Höhepunkt im rotzigen Keifgesang, der den Eindruck erweckt, als wolle man hier soundtechnisch alte Burzum-Scheiben noch unterbieten.

Der in dezentem Grunzgesang gehaltene Grundsound mag noch so durchgehen, wird gelegentlich aber von den bereits angesprochenen plötzlichen Keif-Passagen abgelöst, die allesamt nicht fies, sondern eher infantil klingen und schnell auf die Nerven gehen. Was aber am schlimmsten ist: Diese Musik lässt jegliche Emotion vermissen (und dabei schließe ich Monotonie bewusst als eine Emotion mit ein!). Klar, „Vargariis“ ist langsam und schleppend, aber 4 Doom-Riffs und 8 Minuten Zeit allein reichen dann doch nicht für einen guten Song.

Tombstones (Copyright: Tombstones)

Tombstones (Copyright: Tombstones)

Seit Beginn dieser Irrfahrt werde ich den anfänglichen Eindruck nicht los, dass hier sympathische, talentierte Leute im musikalischen Fahrzeug sitzen, aber keiner wirklich weiß, wo die Reise hingeht und keiner weiß, was an dieser Scheibe nun eigentlich das Reizvolle sein soll. Die Riffs sind es nicht, der Gesang erst recht nicht, Dynamik und einen gewissen Groove erzeugt für mich am ehesten noch Drummer Markus Støle, der mit seinem facettenreichen Spiel aus den Songs noch einiges herausholt.

Ansonsten hat sich die Band in den Doom-Gefilden doch eher festgefahren und sollte dringend „wenn möglich bitte wenden“. Potenzial ist mit Sicherheit genug vorhanden, so groovt der Stoner-Part am Ende vom Rausschmeißer „Pyre of the Cloth“ irgendwie ganz gut und könnte geeignete Heimatklänge für die drei Grabsteine einläuten, um irgendwann wieder im sicheren Hafen der Stoner- und Sludge-Ecke zu landen. So jedenfalls bleibt eine wilde Irrfahrt ohne nennenswerte Attraktionen links und rechts der Fahrbahn. Schade.

Video

Tracklist

01 Barren Fields
02 And When The Heathen Strive, Vargariis Rise
03 Oceans Of Consciousness
04 The Dark High
05 Underneath The Earth
06 Pyre Of The Cloth

Details

Tombstones – Bandcamp
Tombstones – Facebook

Label: Soulseller Records
Vö-Termin: 04.12.2015
Spielzeit: 56:29

Copyright Cover: Soulseller Records



Über den Autor

Tim
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Je länger man kaut, desto süßer das Brot!