Review

Tim Neuhaus ist ein versierter Musiker und Songwriter aus Deutschland. Er war Schlagzeuger bei der Blue Man Group, spielte den Soundtrack für die Serie „jerks.“ ein, war lange Zeit Schlagzeuger und Gitarrist für und mit Clueso und arbeitet seit Jahren mit vielen deutschen Künstlern in Produktion und Recording zusammen.

Seine ersten Soloprojekte erschienen mit „Yindi“ (2005) und „Blankets“ (2007). Nun hat er mit „Echoes, Vol. 1“ eine EP veröffentlicht, die gänzlich auf Covers fußt. Neuhaus plant, laut seiner Website, eine ganze „Echoes“-Reihe, bestehend aus Cover-Musik, zu starten.

Die EP 

Diese EP ist eine Hommage an große Rock- und Popmusiker der letzten Jahrzehnte. Doch hat Neuhaus mit diesem Mini-Album den Rock in die Singer-Songwriter Ecke geholt, als ausschließlich bekannte Stücke gecovert. Die rearrangierten Songs von solch namhaften Größen wie Bruce Springsteen, Foo Fighters oder auch Randy Newman sind sehr vielfältig in ihrer klanglichen Ausgestaltung. Je nach Vorlage des Stückes hat Neuhaus und sein Team einen eigenen Ton im instrumentalen wie auch im Sounddesign der Songs benutzt. Dieser prägt sich beispielsweise beim Song „In Your Honor“ von den Foo Fighters in einer Dopplung der Gesangsmelodie und einem Verzerrer-Effekt auf den Stimmen aus, der dem ganzen Song einen eher kantigen und kraftvollen Anklang gibt. Dieser Titel ist auch als einziger mit einem klar vernehmbaren Schlagzeug versehen worden. Natürlich bezieht sich „kraftvoll“ nur auf das Verhältnis zum Rest dieser Platte, denn das Original der Foo Fighters spielt noch mal in einer ganz anderen Liga, was Kraft und Aggressivität des Sounds angeht.

Die musikalische Bandbreite der gewählten Songs ist auch recht groß. Begonnen bei Randy Newmans „You’ve Got A Friend In Me“, das sicherlich vielen bekannt ist aus dem Film „Toy-Story“ und leichtfüßig einfach erscheint, bis hin zum melodisch fordernden Stück „Everything Means Nothing to Me“ von Elliott Smith, das durch eine erhöhte Komplexität in Melodie und Harmonik zu den wohl musikalisch anspruchsvolleren Stücken dieser Platte gehört, ist die klangliche Vielfalt dieses Albums groß. Jedes dieser Stücke hat ein eigenes Set aus Instrumenten, Mischung und Effekten erhalten, die verbunden durch den akustischen Unterbau aus Neuhaus Gitarrenspiel und dem weitestgehenden Verzicht auf perkussive Instrumente eine rote Linie erhält. Die Songs sind in ihrem Lautstärkepegel und Sounddesign ansonsten sehr unterschiedlich und man könnte annehmen, die Songs wären zeitlich stark getrennt voneinander aufgenommen, über einen längeren Zeitraum produziert oder von unterschiedlichen Tonmeistern bearbeitet worden. Oder die Wahl des Sounddesigns liegt – auch wie die Instrumentierung – am Versuch, der Vorlage des Songs etwas näher zu kommen, das Gefühl oder die Atmosphäre zu fangen. Bei sehr vielen Songs ist dies auch gut gelungen.

Tim Neuhaus (Copyright: Tim Eichel)

Tim Neuhaus Gesang klingt angenehm in Intensität, klanglicher Gestaltung des Mix und auch die mehrstimmigen Teile der Songs klingen entweder spannend arrangiert oder dem gewünschten Effekt dienlich, allenfalls solide und ohne viel Schnörkel einfach sauber. Es liegt auch einiges an Charakter in der Stimme, die des Öfteren in der tieferen Lage mit leichter Unterstützung des Kehlkopfs zu einer Rock-Balladen-Stimme melancholisch durch den Lautsprecher knistert.

Fazit

Tim Neuhaus‘ „Echoes, Vol. 1“ ist ein solides Album, das eine interessante Auswahl bekannter Künstler auf einer Platte in einem ganz eigenen, sehr handgemacht authentisch klingenden Mix zusammenbringt. Das Sounddesign ist leider sehr inkonstant, wobei fraglich ist, ob dies eine stilistische Entscheidung war, aber den Stücken angemessen. Die Wahl der Instrumente und ihrer Arrangements schafft einen eigenen Weg, die Stücke nicht nur zu kopieren und macht aus jedem Lied eine eigene neue Geschichte. Durch die inkonsequenten Sounddesigns, den ständigen Wechsel aus Mischung und Instrumentierung, wirkt dieses Album jedoch mehr wie eine Compilation verschiedener Bands mit demselben Frontsänger als ein organisch zusammengreifendes Werk. Die Konstante ist Tim Neuhaus‘ Stimme, die aber auch in jedem Lied leicht anders klingt.

Wer hier Rock erwartet, wird bis auf „In Your Honor“ jedoch enttäuscht, denn es bleibt ein melancholisches Album, das sich von der Stimmung anfühlt, als wäre schon etwas Herbst angekommen. Stimmungsvoll, melancholisch und überzeugend simpel in seiner Art und Weise, Rock in den akustischen Songwriter-Kosmos zu holen, ist Tim Neuhaus in diesem Jahr mit seiner Solo-Karriere umgegangen. Es bleibt mit Spannung abzuwarten, was sein nächstes Projekt wohl werden mag.


ECHOES, Vol. I

Video

Tracklist

01 Streets of Philadelhpia (Bruce Springsteen)
02 You’ve Got A Friend In Me (Randy Newman)
03 Thinking About You (Radiohead)
04 In Your Honor (Foo Fighters)
05 Colorblind (Counting Crows)
06 Daydream (Smashing Pumpkins)
07 Everything Means Nothing To Me (Elliott Smith)
08 Northern Sky (Nick Drake)

Details

Tim Neuhaus – Homepage | Tim Neuhaus – Facebook | Tim Neuhaus – Twitter

Label: Grand Hotel van Cleef
Vö-Termin: 10.06.2021
Spielzeit: 23:17

Copyright Cover: Grand Hotel van Cleef



Über den Autor

Lars
Musiker, Texter und Mensch, lebend in Berlin.