Review

Seit den 90ern sind Tiles aus Detroit musikalisch unterwegs und widmen sich in ihrem Schaffen vor allem dem Progressive Rock. Dabei kooperierten sie bislang des Öfteren auf instrumentaler und produktionstechnischer Seite mit namhaften Personen wie Produzent Terry Brown (u.a. Fates Warning und Rush) oder Gitarrist Alex Lifeson (Rush). Ein Aufgebot an renommierten Gastmusikern (darunter u.a. Mike Portnoy von Dream Theater, Colin Edwin von Porcupine Tree, Matthew Parmenter von Discipline oder Ian Anderson von Jethro Tull) weist auch das aktuelle Album „Pretending 2 Run“ auf, das als Doppel-CD reichlich Material für seine Hörer bereithält.

Üppig fällt auch die kompositorische Seite eines jeden Titels auf „Pretending 2 Run“ aus, denn Tiles verknüpfen ihre bewährte Mixtur aus Hard- und Progressive Rock mit diversen weiteren Elementen, die scheinbar Genregrenzen zu überbrücken verstehen. So werden Jazz-Parts ebenso integriert wie Weltmusik-Anleihen, während poppige Ausrichtungen starke Kontraste zu klassischen Chorpassagen bilden.
Entsprechend vielseitig ist die Instrumentalfront aufgestellt: Zur bewährten Besetzung Tiles‘, bestehend aus Gesang, Gitarre, Drums und Bass, gesellen sich variationsreich eingesetzte Percussions, Pan- und andere Flöten, Streicher und vieles mehr.

Es ist anhand dieser kurzen Beschreibung schon erahnbar, dass ein einziger Hördurchgang kaum ausreicht, um alle Details des Albums zu erfassen. Doch gerade ebendiese Vielschichtigkeit, die sich gerne auch mal an disharmonischen Tönen bedient, motiviert nur bedingt zum mehrmaligen Konsum.

Sehr überfrachtet und dadurch nur in wenigen Ausnahmen zum Hören unter Kopfhörern geeignet, wirkt „Pretending 2 Run“ nicht nur phasenweise überfordernd, sondern auch unberechenbar. Mit Orgelklängen in die 70er Jahre katapultiert („Taken by Surprise“), durch „Midwinter“ rituelle Wege beschreitend, lange Zeit auf akustischen, ruhigen Pfaden wandelnd oder mittels „Shelter in Place“ ein eher klassisches Hardrock-Erlebnis erfahrend, wird der Hörer von Tiles auf eine Reise geschickt, bei der man schließlich froh ist, ein „Refugium“ zu vernehmen, das rein choral die dringend nötige Ruhe einkehren lässt. Da bleibt selbst die Verblüffung auf der Strecke, überhaupt ein derartiges Lied im Kontext des Albums zu hören, sticht es doch komplett aus dem musikalischen Geschehen von „Pretending 2 Run“ heraus.
Komplex und vielseitig gehen Tiles hier vor, das ist unumstritten, doch nicht selten drängt sich dem Hörer der Eindruck auf, dass weniger oft mehr ist.

Tiles (Copyright: Tiles)

Tiles (Copyright: Tiles)

Einen großen Pluspunkt gibt es abschließend aber noch für das Coverartwork und die gesamte optische Aufmachung des Booklets. Kleinkinder und niedliche Tiere zünden doch immer, und so kann auch Mini-Schildi auf „Pretending 2 Run“ potenzielle Käufer am CD-Regal im Plattenladen nicht ungerührt vorbeiziehen lassen. Das kleine Reptil, das grinsend und keck auf der Rolltreppe in die Kamera schaut, gibt es auch im Innenteil des Booklets zu bestaunen, das darüber hinaus mit kunstvollen, teils surrealistischen Bildern bespickt ist. Ein lohnenswerter Hingucker, der letztlich ein hörenswertes Album begleitet. Allerdings sei gesagt, dass man aus oben genannten Gründen schneller Zugang zum Bild- als zum Audiomaterial findet.

Video

Tracklist

CD 01:
01 Pretending to Run
02 Shelter in Place
03 Stonewall
04 Voir Dire
05 Drops of Rain
06 Taken by Surprise
07 Refugium
08 Small Fire Burning

CD 02:
01 Midwinter
02 Weightless
03 Friend or Foe
04 Battle Weary
05 Meditatio
06 Other Arrangements
07 The Disappearing Floor
08 Fait Accompli
09 Pretending to Run (reprise 1)
10 Uneasy Truce
11 Pretending to Run (reprise 2)
12 The View from Here
13 Backsliding

Details

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Label: Laser’s Edge / Al!ve
VÖ-Termin: 15.04.2016
Spielzeit: 45:58 + 50:31

Copyright Cover: Laser’s Edge



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde