Review

Das deutsche Trio The Tourist bringt dieses Jahr, um genau zu sein heute, ihr zweites Langspiel-Erzeugnis raus. Auf „Love Will Find You“ gehen The Tourist mit ihrem Spiel aus Post-Hardcore, Indie und Screamo buchstäblich ans Herz; mal um es zu erobern, mal um es wieder zu brechen. Man rudert auf dieser Platte zwischen Melancholie und schweißtreibender Energie hin und her.

Dabei lehnen The Tourist es grundsätzlich ab, nur bei stumpfen Akkordabfolgen zu bleiben. Oft zeigen sich auf „Love Will Find You“ progressive Ansätze, die dem Hörer in wechselnden Rhythmen entgegenspringen. Das beginnt schon nach den schiefen Tönen der Streichinstrumente, wenn Drums und Rückkopplungen aus dem Nichts auftauchen. Nach „A Toast To“ hat man sofort das Gefühl, sich nicht wieder einer Emo-Hardcore-Band gegenüberzustehen, die nach bewährtem Rezept agiert. Vielmehr sind The Tourist so experimentierfreudig und verspielt wie beispielsweise Fear Before (ehemals Fear Before The March Of Flames) – falls die noch jemand kennt.

Doch neben dem ganzen Gebrüll, den schreienden Saiten und der Soundgewalt zeigen sich die drei Jungs auch durchaus freundlich dem Trommelfell gegenüber. Catchy Riffs und melodischen Gesang bekommt man auf „Patience“. Dadurch, dass alle drei Bandmitglieder ihre Stimmen zur Verfügung stellen, weist „Love Will Find You“ ein breites Spektrum an Klangfarben auf. Genauso verhält es sich mit den Lyrics, die eine Menge metaphorischen Glanz mit sich bringen.

Damit live auch noch zusammen mit Publikum gesungen werden kann, gibt es in Form von „Heaven“ eine Hymne oben drauf. Allerdings mit einem Text, der nicht nur aus ein bis vier Wörtern besteht. Auch schön anzuhören, wie dieser Titel immer wieder die ruhigen Passagen mit Akkorden in den höheren Lagen aufplatzen lässt.

Dann gibt es wieder Songs wie „Christian Mingle“, der mit schnellen und vielseitigen Riffs daherkommt. Getragen von einem effektvollen Schlagzeug driften The Tourist hier erneut in die melodische Atmosphäre.

The Tourist (Copyright: The Tourist)

The Tourist (Copyright: The Tourist)

„Stock Market Heroes“ wird der Hardcore entzogen und die Band setzt mehr auf Inhalt und Emotionen. Fünf Minuten lang bekommt der Hörer hier straighten Emo-Rock, der „Love Will Find You“ im Gegensatz zum Anfang deutlich ruhiger ausklingen lässt.

Zwischen den ganzen verschiedenen Ausflüchten in die unterschiedlichsten Gefilde, schleichen sich hier und da auch mal ein paar zu einseitige Titel ein. „End of“ und „To Give And To Keep“ klingen durchaus nicht schlecht, aber motivieren im Nachhinein nicht für einen weiteren Durchgang.

The Tourist sind emotional. Sie sind aggressiv. Sie haben ihr Ziel klar vor Augen. Sie sind verspielt und schweifen oft ab. Der Sympathie auf „Love Will Find You“ ist nichts entgegenzusetzen, dafür wirken viel zu viele Eindrücke auf diesem Album. Entgegen ihrem Bandnamen sind die Jungs ihrem Genre keineswegs fremd, scheuen aber auch vor naiven Ausbrüchen nicht. An dieser Platte kommt man ohne weitere Durchläufe nicht vorbei. Es ist zwar eine Menge, was hier auf den Hörer einwirkt, aber darum kann man ja für sich selbst entscheiden, mit welchen Titeln man Pferde stehlen möchte.

„Love Will Find You“ steuert definitiv gegen jede Norm an, um sich selbst frisch zu halten. Die Grenzen, die sich The Tourist selbst setzen, halten sie gerne ein, überschreiten diese aber auch regelmäßig bei Bedarf.

Video

Trackliste

01 A Toast To
02 Patience
03 And We Were Given Languages
04 Into Sleep
05 End Of
06 Track For
07 Heaven
08 To Give And To Keep
09 Silver Express
10 Specter
11 Christian Mingle
12 Stock Market Heroes

Details

The Tourist – Facebook

Label: Fleet Union
Vö-Termin: 06.03.2015
Spielzeit: 46:39

Copyright Cover: Fleet Union



Über den Autor

Christopher