Review

The National Orchestra of the United Kingdom of Goats – diesen recht förmlich klingenden Projektnamen, von vielen daher als UKOG abgekürzt, muss man erst einmal sacken lassen. Gleichsam stellt sich die Frage, was sich dahinter wohl verbergen mag. Besieht man sich die Bandfotos, könnte man hier eine Corpse gepaintete Black Metal Formation vermuten. Hört man sich dann aber das aktuelle und zugleich zweite Album „Vargorok“ der Mannen aus Südtirol an, ist die Überraschung groß, denn ihre Mischung aus Artrock, Pop, Alternative Rock und Progressive Rock will dem blackmetallischen Ersteindruck so gar nicht gerecht werden.

The National Orchestra of the United Kingdom of Goats bezeichnen ihr musikalisches Treiben selbst als „Symphonic Grind Pop“ und so extrovertiert und außergewöhnlich Image, Konzept und Musik der Band sind, so passend erscheint diese Genreneubegründung. In welche Schublade man die vier Künstler letztlich auch stecken möchte, gerecht wird man ihnen damit kaum werden können, denn von Instrumentalstücken über soundtrackwürdige Klanglandschaften bis hin zu eingängigen Pop-Rock-Nummern liefert das Quartett ein abwechslungsreiches akustisches Potpourri und zeigt damit ihre gesamte Bandbreite auf, die sich auch im facettenreichen Gesang widerspiegelt.

Ob Klargesang oder gutturale Elemente – wenn stimmlich agiert wird, dann schöpft die Band viele diesbezügliche Möglichkeiten aus. Das Gesangstalent überzeugt dabei nicht immer durch technische Vollkommenheit, bringt aber eine Eigenständigkeit und viele Ecken und Kanten mit, was letztlich Charme besitzt und zu gefallen weiß.

An Alleinstellungsmerkmalen und Wiedererkennungswert mangelt es The National Orchestra of the United Kingdom of Goats nicht. Und dennoch trumpfen sie mit weiteren herausragenden Merkmalen auf, die für positive Überraschungen sorgen. Darunter die Tatsache, dass all ihre Werke als freie Inhalte gelten und unter Creative Commons für jeden zugänglich und nutzbar sind. Dies ist vor allem für jene Kreativen interessant, die beispielsweise auf der Suche nach geeignetem Filmsoundtrack-Material sind, denn eine große Stärke der Südtiroler liegt gerade in diesem Bereich.

Ein großer Nachteil von „Vargorok“ ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass es den Konsumenten schwerfallen wird, am Ball zu bleiben. Oft verliert das Album mit seinen satten 15 (!) Tracks und einer Gesamtspielzeit von knapp 73 Minuten an Spannung. Zwar werden nahtlose Übergänge geschaffen und die hier präsentierte Geschichte in sich stimmig präsentiert, doch oft droht dem Hörer, den Faden über diese lange musikalische Strecke zu verlieren. Insbesondere die sehr sphärischen Instrumentalstücke durchbrechen den flüssigen Hördurchlauf. Setzt man damit auf Atmosphäre und experimentiert mit progressiven Nuancen auf sehr angenehme und unaufdringliche Weise (derartige Phasen werden häufig auch in Songs mit Gesang eingebaut), scheint „Vargorok“ dadurch zugleich immer mal wieder ins Stocken zu geraten.

Ebenso werden Quereinsteiger den inhaltlichen Kontext, zu finden auf den vorausgegangenen Veröffentlichungen und auf „Vargorok“ konsequent weitergeführt, vermissen, sodass das Konzept der Bandmitglieder, die sich selbst als fiktive Charaktere in ihre Erzählung integriert haben und somit Musiker und Protagonisten gleichzeitig darstellen, zwar ein gutes ist, gleichzeitig aber derart komplex ausfällt, dass Neulingen ein umgehendes Nachvollziehen nicht leicht gemacht wird.
Entschädigt wird jene Hörerschaft aber durch die Mehrheit der gelungenen Tracks, die auch ohne Kontextverständnis mit ihrer Melodiestärke überzeugen und im Ohr bleiben.

The National Orchestra of the United Kingdom of Goats (Copyright: UKOG)

The National Orchestra of the United Kingdom of Goats (Copyright: UKOG)

„Vargorok“ ist schwer zu fassen und ebenso schwer ist es, die richtigen Worte für das Hörerlebnis zu finden. Unberechenbar, aber insgesamt gut aufeinander abgestimmt bieten The National Orchestra of the United Kingdom of Goats mit jedem Titel etwas Neues. Ihre Experimentierfreudigkeit und Extrovertiertheit sind hörbar, driften aber zu keinem Zeitpunkt in ein unbequemes Hörempfinden ab. Vielmehr gelingt der Band mit diesen Elementen ein harmonischer Umgang, der „Vargorok“ auf weiten Strecken beinahe massenkompatibel macht. Eventuell ist das nächste Mal weniger mehr, um über Albumlänge die konstante Aufmerksamkeit der Hörer sicher zu haben, davon abgesehen ist „Vargorok“ aber ein großartiges Album, das jedem Klangfetischisten und freigeistigen Rockfan mit Faible für Atmosphäre zu empfehlen ist.

Video

Tracklist

01 Recede
02 Vargorok
03 The Righteous, the Faltering & the Frail
04 Al Ahrarjan Is Setting
05 Black Citadel: Shadow of Al Debaran
06 Reflect
07 … to Rule the Peaks
08 The Hermit
09 Clouds & Spectres
10 Engines of the Maker
11 The Goats of Ulthar
12 A Ritual for the Black Goat
13 Pantheon of Skies
14 Ascend
15 Light a Fire for all the World to See



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde