Review

Melodisch angehauchte Punk-Klänge schallen einem auf „Nordost“ entgegen. Fabriziert von der Band Staatspunkrott aus Würzburg, welche das alte Genre einmal abgestaubt und es mit moderneren Zügen neu aufpoliert haben. Damit finden sich in den zehn Songs (bzw. elf inklusive Bonustrack) unter anderem Einflüsse aus dem Hardcore in den Sound ein.

Was natürlich nicht heißen soll, dass Staatspunkrott dem Punk dadurch seinen Biss genommen haben. Eingängige Akkordarbeit und auch das Schlagzeug beschränken sich in manchen Passagen auf Humpa-Beats gemäß dem Handbuch. Diesem Format folgt auch direkt „Hier stirbt deine Jugend“, allerdings anstatt auf die rebellische setzt man hier auf eine melodische Hook. Dabei machen sich schon leicht die Hardcore-Einflüsse bemerkbar, besonders wenn es um den Breakdown am Ende geht.

An dieser Stelle muss man der Band anrechnen, dass diese kleinen Ausflüge in fremde Gefilde nahtlos in den Gesamtsound übergehen. Oft mischen sich beispielsweise die Riffs unter die Songstrukturen des Punks. Daher fühlt es sich nicht so an, als würden Staatspunkrott ihre Konzepte Punkt für Punkt abarbeiten. Maß und Balance sind hier die Stichwörter. Die Stile zur richtigen Zeit in richtigem Rahmen einsetzen, damit die Songs schon von Anfang an zünden können.

Auf die obligatorisch rotzige Punk-Rock-Stimme wurde auch weitgehend verzichtet. Die Vocals klingen angenehm voll und ansprechend. Natürlich wird in dem einen oder anderen Part auch rumgebrüllt, aber durch die Verzerrung wirken diese Stellen eher wie eine zusätzliche Akzentuierung. Dazu sorgt der Chor-Gesang im Hintergrund für die passende Untermalung und entfacht zwischendurch sogar den gewissen Hymnen-Effekt. Allein die kratzigen Stimmbänder, die manchmal aufkommen, wirken im Vergleich befremdlich.

Auch was die Texte angeht zeigen Staatspunkrott nicht unbedingt mit dem Finger auf die Gesellschaft und schmücken sie mit vielen Metaphern bzw. Wortspielen. Stellenweise vielleicht etwas zu bedeutungsschwanger und klischeebehaftet, aber im Großen und Ganzen punktet man vor allem mit der „Nimm-es-einfach-so-hin“-Mentalität der Lyrics.

Staatspunkrott (Copyright: Staatspunkrott)

Staatspunkrott (Copyright: Staatspunkrott)

Obwohl die Jungs sich Mühe geben, ihren Sound für den Hörer möglichst frisch zu halten, bekommt man bei den energetischen Punk-Einlagen immer wieder ein Déjà-vu. Spannend wird es stets dann, sobald die Titel mittendrin durch den Post-Hardcore Anteil aufgebrochen werden. Oftmals offenbart sich eine dynamisch rockige Ader, aber diese hemmt den Drang nach Innovationen. Dennoch kann diese Mischung aus einer entfernten Art Rise Against und Alexisonfire den Hörer euphorisch mitreißen.

„Nordost“ bringt den Trommelfellen eine Menge Spaß. Die Platte lässt sich in einem Stück flüssig runterhören, ohne dass Songs dem Flow so wirklich im Weg stehen. Wer dann noch im Besitz des Digipaks ist, darf sich zum Schluss außerdem über die (schon fast progressive) akustische Version von „Dächer der Stadt“ erfreuen.
Modern überholter Punk, der nicht mehr allzu abgedroschen klingt. Eine großartige Platte, die man sich definitiv mal zu Gemüte führen sollte.

Anspieltipps:
Hier stirbt deine Jugend / N.E.O.N. / Meer aus Licht / Flucht ohne Refugium / Atem

Trailer

Trackliste

01 Nordost
02 Hier stirbt deine Jugend
03 Ohne Schlaf
04 N.E.O.N.
05 Generation S
06 Flucht ohne Refugium
07 Atem
08 C4H10
09 Meer aus Licht
10 Satelliten
11 Bonustrack: Die Dächer der Stadt (Akustik Version)

Details

Staatspunkrott – Homepage
Staatspunkrott – Facebook

Label: People Like You Records
Vö-Termin: 28.08.2015
Spielzeit: 39:44

Copyright Cover: People Like You Records



Über den Autor

Christopher