Review

Island ist ein kühler Ort. Im Winter knapp über 0°C, im Sommer aber auch nur um die 15°C ist er die Heimat von Sólstafir.

Nach den Veröffentlichungen von „Köld“ und „Svartir Sandar“ brach ein regelrechter Hype um die Band aus. Man hatte Hunger auf mehr. Gebt uns mehr Gefühl, mehr Leidenschaft. Wir wollten berührt werden, auf eine Reise wollten wir gehen. Es ist nun Zeit für ein neues Album der Klanglandschaftsmeister und dieses hört auf den Namen „Ótta“.

„Ótta“ folgt einem Konzept, dem Prinzip einer isländischen Zeiteinteilung. Das Ganze beginnt um Mitternacht mit dem Song „Lágnaetti“. Ruhig bricht die Mitternacht über uns herein. Ein Klavier und Streicher untermalen die Ruhe, dieses positive Gefühl der Stille. Hier erinnert mich der Auftakt stark an Coldplay. Dieses minimalistische Konzept bricht nach den ersten 2:30 Minuten auf und entlädt sich in einer klanggewaltigen Landschaft. Die Nacht ist eben auch so unfassbar groß und weit. Ein klasse Start für Aðalbjörn und seine Jungs.

Die Band ist derzeit eher über das Genre Metal bekannt geworden. Das liegt an ihrer Vergangenheit, denn die letzten Alben waren deutlich härter und aggressiver. Das fehlt hier nicht unbedingt, denn die etwas ruhigere Herangehensweise passt gut zu der Atmosphäre, die die Band in jedem Song zu kreieren weiß. Diesbezüglich können sich sehr viele Bands noch ein oder zwei Scheiben von Sólstafir abschneiden. „Dagmál“ beispielsweise könnte glatt als Song einer Indieband durchgehen. Sólstafir bringen aber auch hier eigene Note mit rein, auch wenn sie ab und an nur durch die markante Stimme des Fronters einfließt. Sie haben definitiv ihren eigenen Stil gefunden und sind bekannt dafür. Das ist wichtig, denn die Jungs sind etabliert, was angesichts der Stilrichtung doch eher ein schwieriger Weg war.

Hervorzuheben ist auch der Sound von „Ótta“. Unglaublich natürlich klingt das Album wie aus einen Guss. Ein langer Jam, der einfach funktioniert und sofort in seinen Bann zieht. Da findet sich nichts Glattgelutschtes. Eher überwiegt der Gedanke oder gar die Hoffnung an eine neue Musikära; zurück zur Natürlichkeit, im Volksmund: kein „Chichi“.

Solstafir (Copyright: Timo Isoaho)

Sólstafir (Copyright: Timo Isoaho)

Wovon man sich ebenfalls nicht abschrecken lassen darf, sind die langen Songs. Sólstafir lassen sich Zeit in ihren Stücken. So kommt es schon mal vor, dass man am Anfang von „Nattmal“ nur Gitarre, eine Stimme und ein minimales Schlagzeug hört. Das geht die ersten paar Minuten so. Als Intro dient es dem letzten Song der Platte, um sein volles Potenzial zu entfalten.
So auch „Middegi“, der mit einem sich dermaßen in den Kopf fressenden Riff auskommt und viel Energie verstreut.
„Midaftann“ ist schon ein klasse Werk. Einfach, aber gefühlvoll zeigt es uns, wie das Zwischenspiel aus Klavier und Stimme klingen kann. Dezente Streicher untermalen das Ganze. Dieser Song berührt zutiefst und lässt träumen.

Wer sich jetzt noch fragt, wie Sólstafir so gigantische Gitarrensounds kreieren, dem sei gesagt: das Ding nennt sich E-Bow. Ein kleines Gerät, welches die Saiten zum Schwingen bringt. Hinzukommend arbeiten sie natürlich auch viel mit Effekten, was der Atmosphäre sehr zugutekommt und das Herz höher schlagen lässt.

Fazit: Sólstafir spiegeln all das wider, was man sich von atmosphärischer, klanggewaltiger Musik erträumt. Mit Aðalbjörn am Mikro konnte man nicht mehr Charakter in die Band tragen. Ebenso wie mit dem Arrangieren der Songs, die so gut geschrieben sind, dass die Platte in einem Rutsch durchläuft, auf der Reise in eine bessere Welt. Diese Band berührt zutiefst und ihr Album gehört somit verdient zu den wichtigsten Releases dieses Jahres.

Tracklist

01 Lágnætti
02 Ótta
03 Rismál
04 Dagmál
05 Miðdegi
06 Nón
07 Miðaftann
08 Náttmál

Details

Solstafir – Homepage
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Label: Season of Mist
Vö-Termin: 29.08.2014
Spielzeit: 57:24

Copyright Cover: Season of Mist



Über den Autor

Marcus
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