Review

Da mit „Heartburnt“ bereits die neunte Albumveröffentlichung von Scream Silence vorliegt, könnten die Goth/Dark Rocker um Sänger Hardy Fieting fast schon als alte Hasen der Szene bezeichnet werden. Von Routine oder altem Trott kann bei den Berlinern jedoch keine Rede sein, denn frisch und ideenreich wie nie präsentiert sich das Quintett hier und erwirkt den Eindruck, als gebe man sich dabei zudem sehr persönlich und intim.

Ihren ursprünglichen klassischen Gothic Rock erweitern Scream Silence auf „Heartburnt“ auf homogene Art und Weise um viele weitere Elemente und Stile. So trifft man auf Atmosphäre dienliche progressive Züge, Post-Rock-Einflüsse oder auch New Wave-Strukturen.
Die Assoziationen des Hörers pendeln auf Albumlänge zu Projekten wie 18 Summers bzw. mehr noch zu dessen ehemaliger Band Silke Bischoff, VNV Nation-Songs wie „Illusion“, Heppner und Wolfsheim sowie den üblichen Verdächtigen des traditionellen Gothic/Dark Rock Genres, ohne jedoch auf die Eigenständigkeit von Scream Silence verzichten zu müssen.

Mit „Born With Blood On My Hands“ startet die Band sehr ruhig, leise und voller Gefühl in den Silberling. Gerade meint man, die Marschrichtung auf „Heartburnt“ demnach erkannt zu haben, durchbrechen krachende Gitarrenwände und Lautstärkezunahme die Fragilität des Songs, der insgesamt und vor allem durch seine wundervolle Melodie eine Punktlandung hinlegt.

Ebenfalls die Höchstwertung verdient das sich anschließende „Art Remains“, ein Ohrwurm, der temporeich daherkommt und zu dem bereits ein Musikvideo gedreht wurde. Erinnerungen an 80er Szenehits werden wach und von Scream Silence in ein modernes Soundgewand gekleidet.

Die Songlängen auf „Heartburnt“ variieren von 2:57 Minuten bis zu 6:51 Minuten. Entsprechend nimmt sich die Band Zeit für rockige Augenblicke, aber auch für nachdenklich stimmende, melancholische und ruhige, besinnliche Momente. Diesbezüglich wird dem Hörer viel Abwechslung geboten, die auch innerhalb eines jeden Songs zum Ausdruck gebracht wird. Hin und wieder trifft man auf Verzerrungen, ab und an versieht man dem Gesang eine Portion Hall, dann wiederum wechseln sich härtere Alternative Rock Phasen mit Akustikeinlagen (zu hören in „The Seventh Sorrow“) ab.

Erstmals in der Bandgeschichte von Scream Silence wagte man sich außerdem an einen deutschen Text heran. „Etwas starb in mir“ heißt der Heppner-eske Titel, der unter Beweis stellt, dass den Berlinern auch diese Seite gutsteht. Der Wechsel von dunklen Vocals zu höherer Kopfstimme unterstützt die emotionalen Aspekte des Songs.

Scream Silence (Copyright: Annie Bertram)

Scream Silence (Copyright: Annie Bertram)

Neben eingängigen Melodien versehen Scream Silence ihre Songs zuweilen mit tollen Soundeffekten („The Weeping“), besonders überzeugen die fünf Musiker jedoch dann, wenn es gefühlvoll oder kontrastreich zugeht. Titeltrack „Heartburnt“ könnte für Letzteres als Paradebeispiel dienen, denn während die auf instrumentaler Ebene sehr reduzierten Passagen des Tracks zunächst den Gesang für längere Zeit in den Vordergrund hieven, krachen in die sphärische Klanglandschaft plötzlich harte Riffs. Wunderbarer Kontrast, der dem Song viel Dynamik verleiht.

Klanglich bietet man dem Konsumenten ein perfektes Hörerlebnis mit Charme. Professionell, aber nicht zu überproduziert, kraft- und druckvoll in den gitarrendominanten Passagen, sensibel im Umgang mit den ruhigen Parts – eine emotionale Berg- und Talfahrt ist damit auch vonseiten der Produktion garantiert.

Zu Recht verlief die Crowdfundingaktion zum Album erfolgreich. Da Scream Silence mal die einen Stileinflüsse, mal andere Elemente mehr betonen, bewegen sich die einzelnen Titel zwar alle auf gleichem qualitativen Niveau, werden jedoch mal gut und mal besser gefallen. Insbesondere gegen Ende verlieren die Tracks ein wenig von den zuvor gezeigten Stärken. Dies ist jedoch gleichzeitig ein sehr subjektiv gefärbter Eindruck, sodass dringend geraten wird, „Heartburnt“ einmal Probe zu hören. Nicht nur Fans oben genannter Bands werden hier Material vorfinden, das begeistert.

Video

Tracklist

01 Born With Blood On My Hands
02 Art Remains
03 The Seventh Sorrow
04 We Can Do No Wrong
05 Heartburnt
06 The Weeping
07 Conversation 16
08 Etwas Starb In Mir
09 Echoes
10 The End Of The Lie

Details

Scream Silence – Homepage
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Scream Silence – Twitter

Label: Plainsong Records / Al!ve
Vö-Termin: 05.06.2015
Spielzeit: 50:22

Copyright Cover: Plainsong Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde