Review

Das inzwischen neunte Studioalbum – das ist nach 18 Jahren Bandgeschichte eine klasse Bilanz und zeigt, dass sich Schandmaul Zeit nimmt. Zeit für gute Texte, Zeit für Liebe zum Detail, Zeit sich treu zu bleiben. Der Sound hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, aber nie ohne dieses gewisse Extra zu verlieren. Ob sich „Leuchtfeuer“ in diese Reihe ohne zu stolpern eingliedert? Wir haben uns die Limited Special Edition mit 4 Bonustracks und einer zweiten CD voller Demo-Aufnahmen angehört.

Schon der erste Track „Orleans“ lässt den Gedanken, dass „Leuchtfeuer“ mit seinen Vorgängern mithalten kann, auf jeden Fall zu. Mit dem typischen Instrumenten-Ensemble aus Rock und Mittelalter erzählen die Schandmäuler die Geschichte von der Jungfrau von Orleans. Eine lodernde, epische Hymne, die anfeuert und Stärke beschwört. Ein ungewöhnlich ernster und fulminanter Einstieg.

Der zweite Track scheint wie die andere Seite der Medaille zu sein: „Heute bin ich König“ klingt fröhlicher, rockiger. Die Flöten bringen das klassische Flair, treiben einen aber auch voran, die Melodie ist dazu abwechslungsreich und eingängig. Zusammen ergibt sich eine Gute-Laune-Stimmung, die aber ebenso leise, unterschwellig etwas Getragenes innehat.

Auch „Jack O’Lantern“ zeigt dieses gereifte Bild der Geschichtenerzähler. Hier hören wir vom Trunkenbold Jack, der dem Teufel mehrfach entwischt, von ihm aber darum nach seinem Tod auch wieder fortgeschickt wird. Diese alte irische Sage begründet den Brauch der Kürbislampen zu Halloween. Musikalisch kommt die Erzählung beschwingt daher, beweist aber in feinen Nuancen einen Unterschied zu älteren Songs. Ähnlich klingt „Sonnenseite“ (Bonustrack), eine Liebesballade im Rockgewand, die im Kopf bleibt und zum Mitsingen animiert, aber durch das verstärkt rockige Setting einen spannenden neuen Twist erhält.

Nach diesem spannenden Start begegnen wir der ersten Single, „Leuchtfeuer“. Ein klassischer Schandmaulsong, der wie ein Zufluchtsort nach einer langen Reise viel Bekanntes und Geborgenheit bietet – aber dabei auch den zuvor gewitterten frischen Wind ein wenig vermissen lässt. Dieser Eindruck kann auch in den folgenden Songs nicht ganz abgeschüttelt werden. Prinzipiell machen die Lieder der Schandmäuler auch auf dem neuen Album Spaß, sind tanzbar, singbar, laden gleichermaßen zum Schwelgen und Träumen ein; ob nun „An Deiner Seite“ als zarter Akustik-Leckerbissen oder aber „Loreley“, das mitreißend erzählte und arrangierte Märchen von der schönen Zauberin am Rhein. Aber dieser interessante neue Dreh, der am Anfang so bezirzen konnte, taucht nicht durchgehend auf.

Das muss er natürlich auch nicht, denn so grandiose Traditionen, wie die Instrumentalsongs auf allen Schandmaul-Alben, sollten nicht gebrochen werden. Zum Glück folgt die Band diesem Gedanken zumindest auf der Limited Edition: Mit „Sommernachtstraum“ ist den sechs Bayern nämlich wieder ein wundervoller Song dieser Art gelungen. Zarte Flöten mischen sich mit fast schon orientalisch anmutenden Trommeln, die gemeinsam mit einem feurigen Geigensolo einen wahren Musikgenuss ans Ohr tragen. Fast eine Schande, dass er es nicht auf die normale Platte geschafft hat.

Hingegen schlagen Songs wie „Ich werd‘ alt“ oder „Herr der Wellen“ doch sehr in bekannte Kerben. Das ist schade, denn dazwischen verbergen sich Perlen wie „Freunde“ – ein gut gemachter, ehrlicher Rocksong mit Schandmaul-Schlänker in Form von Geige und Flöte, der ein herzliches Dankeschön an alle langjährigen Begleiter ist –  oder auch „Tjark Evers“, einem anrührenden, tieftraurigen Lied mit Klavier und Cello als Hauptakteuren, das die tragische Geschichte eines jungen Mannes erzählt und seine letzten Worte an seine Familie trägt.

Schandmaul (© Robert Eickelpoth)

Schandmaul (Copyright: Robert Eickelpoth)

Einen besonderen Gast konnten die Schandmäuler im vorletzten Lied an Bord holen: „Zu zweit allein“ ist ein melancholisches Duett mit Tarja Turunen, welches von einer gescheiterten Liebe erzählt und Schauer über den Rücken jagt. Und als hätte die Band ihren Esprit vom Anfang der Platte für ihr Ende aufgespart, schickt sie uns mit dem letzten Titel noch einmal auf Reisen. „Zeit“ ist dabei der schlichte Name des Songs, der aber die essenziellen Fragen des Lebens stellt: Wo komme ich her, wo will ich hin? Ein Lied voller Sehnsucht und Fernweh. 3:16 Minuten, in denen die Seele segeln kann, wie Thomas Lindner so schön singt. Und damit endet „Leuchtfeuer“.

Insgesamt betrachtet ist das neunte Studioalbum also schon jetzt ein Klassiker in der Schandmaul-Diskographie. Zum einen, weil er zärtlich neue Wege beschreitet ohne seine Wurzeln zu vergessen, zum anderen, weil er das gesamte Gepäck aus der vergangenen Zeit noch mit sich herumträgt und nicht loslassen möchte. Vielleicht ist dieser Weg ein sanfter, vorsichtiger – aber kein langweiliger. Denn „Leuchtfeuer“ strahlt ähnlich wie seine Vorgänger und ist sicherlich kein Reinfall. Es hätte für den einen oder anderen vielleicht nur noch ein wenig mehr lodern dürfen – das ist alles.

Anspieltipps
Orleans | Jack O’Lantern | Sommernachtstraum | Tjark Evers

Video

Trackliste

CD 01
01 Orleans
02 Heute bin ich König
03 Jack O’Lantern
04 Sonnenseite
05 Leuchtfeuer
06 An Deiner Seite
07 Sommernachtstraum
08 Der Leiermann
09 Loreley
10 Schachermüller-Hiasl
11 Freunde
12 Ich werd‘ alt
13 Die schwarze Perle
14 Herr der Wellen
15 Tjark Evers
16 Zu zweit allein
17 Zeit

CD 02
01 Orleans (Demo)
02 Heute bin ich König (Demo)
03 Jack O’Lantern (Demo)
04 Leuchtfeuer (Demo)
05 An Deiner Seite (Demo)
06 Loreley (Demo)
07 Schachermüller-Hiasl (Demo)
08 Freunde (Demo)
09 Die schwarze Perle (Demo)
10 Herr der Wellen (Demo)
11 Tjark Evers (Demo)
12 Zu zweit allein (Demo)
13 Zeit (Demo)

Details

Schandmaul – Homepage
Schandmaul – Facebook
Schandmaul – Twitter

Label: Universal Music
VÖ-Termin: 16.09.2016
Spielzeit: 61:01 + 47:48

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Silvana
Silvana
A Cat is Purrfect.