Review

Schlussendlich ist es wichtig, dass Musik den Zuhörer oder die Zuhörerin berührt, der Stil ist Nebensache.


Das und ein Workshop für Hiphop, Rock und das Schreiben von Songtexten im letzten Jahr, der Alexander Kaschte Rap als moderne Form von Poesie kennenlernen ließ, (beides kundgetan und nachzulesen im kürzlich veröffentlichten Fan-Interview mit Alexander Kaschte), erklären vermutlich den stilistischen Wandel von Samsas Traum auf „Poesie: Friedrichs Geschichte“ am besten. Und so überraschend die teils ungewohnten eingeflochtenen trip- und hip-hoppigen Klänge wirken mögen, stellt man schon nach kurzer Zeit fest: Besser als mit Sprechgesang hätte man die ernste, relevante und berührende Thematik des Albums, obschon sie alles andere als auf den ersten Blick zu diesem Genre passend erscheint (dafür und in dieser Kombination aber umso attraktiver für den Eingang in den Schulunterricht ist), nicht umsetzen können.

Basierend auf einem Gedicht des Patienten Heinrich K. manövrieren Samsas Traum die Hörer durch die unmenschlichen Gräueltaten des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms (insbesondere mit Fokus auf die NS-Tötungsanstalt Hadamar).

Verursachen bereits die Fakten rund um die damalige systematische Ermordung der Menschen Gänsehaut, unterstützen Samsas Traum dieses Gefühl durch ihre musikalische Mischung aus schwermütigen orchestralen Elementen, metallischen Gitarren, eindringlichem Schlagzeugspiel und Trip- bzw. Hiphop Beats.

Textlich greift die Band ausgiebig und gut recherchierte Tatsachen auf und präsentiert diese aus wechselnden Blickwinkeln. So nimmt der Hörer im wahrsten Sinne des Wortes teil am Schicksal der auf den Tod Wartenden, beginnend mit Hitlers Anordnung für die Krankenmorde („Sauber“), über den Abtransport und die Busfahrt nach Hadamar („Wir fahren in den Himmel (und ich kotze Angst)“, bis hin zur Tötung („Im Keller wohnt der Krieg“).
Darüber hinaus finden zudem weitere Details ihren Platz in den Songtexten, wie beispielsweise der Titel „Leiche 10 000“ aufzeigt, denn belegt ist der Umstand, dass anlässlich des 10.000. Vergasungstoten in Hadamar von der Belegschaft eine Jubiläumsfeier mit Freibier veranstaltet wurde, was Samsas Traum in den Zeilen „Und Gott hat heute Urlaub, nein, Gott ist heut nicht hier, Gott schickt jedem von Euch dafür eine Flasche Bier.“ aufgreifen. In „Gorgass“ lässt man Vergasungsarzt Hans Bodo Gorgaß „zu Wort kommen“, dem laut erhobener Statistik 4.170 Opfer in Hadamar zugeschrieben werden.

Samsas Traum ergehen sich auf „Poesie: Friedrichs Geschichte“ nicht in Fantasywelten, sondern widmen sich der Aufarbeitung der Vergangenheit. Diese authentische und fundierte Auseinandersetzung lässt den Hörer – unabhängig von der musikalischen Umsetzung – nicht unberührt. Daher spielt die Musik zunächst auch gar nicht die entscheidende Rolle, bleibt man doch an den hervorragenden Texten erst einmal hängen und setzt sich damit auseinander.

Dass sich Thema, Texte und Musik dann allerdings hervorragend ergänzen, wird bereits im Eröffnungstitel „Es ist der Tod“ deutlich.
Eingeleitet wird „Poesie: Friedrichs Geschichte“ rein instrumental. „Es ist der Tod“ erklingt klassisch-orchestral und somit äußerst opulent sowie eines Soundtracks würdig und entwickelt sich, indem seine Bombastwirkung durch Hinzukommen der Drums und Gitarren intensiviert wird. „Harte“ Metal-geprägte Phasen wechseln sich mit zarten, oftmals melancholischen Melodien und zurückgenommener Instrumentierung ab. Ein grandioser Einstieg in das Album, das anschließend mit dem Titel „Sauber“ bereits sehr bedrückend seinen Fortgang nimmt; dies sowohl in Form der Lyrics als auch durch die „dunklen“, verzerrten Synthies.

Immer wieder spielen die Drums auf dem Album eine zentrale Rolle, denn diese steigern abermals die Intensität der einzelnen Titel.

Samsas Traum / Alexander Kaschte (Copyright: Alexander Kaschte)

Samsas Traum / Alexander Kaschte (Copyright: Alexander Kaschte)

Die wohl auffälligste Veränderung an Samsas Traum ist jedoch der Sprechgesang, den Alexander Kaschte jedoch perfekt beherrscht und es somit auch Rap-fernen Hörern angenehm leicht macht, dem musikalischen Geschehen gut und gerne zu folgen.

Samsas Traum gehen mutig einen Schritt in eine stilistisch neue Richtung, doch wie von selbst ruft die Relevanz und Ernsthaftigkeit des gewählten Konzepts von „Poesie: Friedrichs Geschichte“ Akzeptanz und Toleranz hinsichtlich der Stilistik hervor. Wen dies erst irritieren mag, der sei informiert, dass Samsas Traum durchaus noch herauszuhören sind, denn immer wieder blitzen Momente hervor, die das Projekt unverkennbar wiedererkennen lassen.

Es fällt abschließend – angesichts der Thematik – schwer, das Album, die einzelnen Songs oder ihre gelungenen Melodien als „schön“ oder dergleichen zu bezeichnen. Treffender und angebrachter ist es wohl, diesbezüglich von in Erinnerung rufend, betroffen machend, berührend, traurig und vor allem wichtig zu sprechen.
Und somit bleibt am Ende dieses Reviews nur eins, nämlich der eingangs zitierten Aussage von Alexander Kaschte zuzustimmen. „Poesie: Friedrichs Geschichte“ berührt und daher ist der Stil, der den Inhalt akustisch kleidet, nebensächlich, wobei jedoch explizit erwähnt sei, dass sich hier alles stimmig zusammenfügt und auf ganzer Linie miteinander harmoniert.

Video

Tracklist

01 Es ist der Tod (Instrumental)
02 Sauber
03 Und ich schrieb Gedichte
04 Der Mönchberg (Heinrichs Gedicht)
05 Wir fahren in den Himmel (und ich kotze Angst)
06 Fingerkränze
07 Richard, warum zitterst du
08 Im Keller wohnt der Krieg
09 Gorgass
10 Leiche 10 000
11 Es tut uns leid
12 Was weißt du schon von mir (mein Name ist Friedrich)

Details

Samsas Traum – Homepage
Samsas Traum – Facebook

Label: Trisol Music Group / Soulfood
Vö-Termin: 02.10.2015
Spielzeit: 54:31

Copyright Cover: Trisol Music Group



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde