Review

Nicht immer zielt ein Album darauf ab, besonders viele ansprechende Songs auf einmal rauszuhauen, sondern setzt mehr auf Konzept. „Selfish Bruises“ ist so eines. Komponiert und arrangiert von Ryan Holiday, mit einem elektrischen Sound, der sowohl einige poppige Nuancen setzt, aber auch Einflüsse aus dem Folk-Bereich in sich verbindet.

Die Hauptintention des Solokünstlers liegt auf der emotionalen Schiene, die er überwiegend mithilfe von Tiefe innerhalb seiner Musik erreichen will. Es liegt klar auf der Hand, dass Ryan Holiday diesbezüglich eine Menge persönliche Dinge verarbeitet. Für „Selfish Bruises“ muss man sich Zeit nehmen und auch mal hinter die Songs schauen können. Es handelt sich hierbei nämlich nicht um eine Platte, die mit Zugänglichkeit glänzt.

Vielmehr will Musik geschaffen werden, die den Hörer bewegen soll. Leider braucht es dafür weit mehr als melancholische Beats und Songtitel wie „Cruel Is Love“ oder „Beating Myself Up“. Tatsächlich bewegt nur ein Teil der Songs einen wirklich. Manche scheinen Ryan Holiday in der Tat aus der Seele zu sprechen und andere wirken wie künstlich auf die Tränendrüse gedrückt. Erzeugt wird dieses Gefühl unter anderem durch den geringen Einsatz von Gesang. Dieser fügt sich aber in das langsame Tempo recht gut ein.

Das Thema „Stimme“ ist ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. An vielen Stellen klingt sie sehr standardisiert und unterscheidet sich nicht von anderen Pop-Sängern, die etwas mehr Soul durch ihre Stimmbänder fließen lassen. Doch wenn Ryan Holiday dann mal wirklich seine individuelle Art rauslässt, erscheint sein Vorhaben in einem ganz anderen Licht. Richtig angenehm wird es auf „So We Move On“ durch die Kopfstimmen und beim Duett „Got My Reasons“ mit einer zusätzlichen weiblichen Stimme.

Ryan Holiday (Copyright: Ryan Holiday)

Ryan Holiday (Copyright: Ryan Holiday)

Wo es aber fast nichts zu bemängeln gibt, sind die Beats, denn die spiegeln den inneren Konflikt auf „Selfish Bruises“ wohl am besten wider. Diese Bandbreite an verschiedenen synthetischen Effekten lädt mal die Atmosphäre auf und mal verzweigt sie sich in poppige Club-Sounds. Stimmungswechsel gibt es dann in dem kitschigen „Cruel Is Love“, wo der Sound stellenweise härter und knarziger wird. Minimalprinzip wird auf „Got My Reasons“ angewendet und das erfolgreich. Außerdem fällt auch der experimentelle Faktor ordentlich ins Gewicht, gut zu hören am ersten Song „Cruel Heart Love Gone“. Obwohl der Gesang einen nicht durchweg anspricht, ist es ein angenehm anzuhörendes Spiel zwischen Sound und Stimme.

Und so bleibt am Ende von „Selfish Bruises“ doch etwas übrig. Zwar wird man von der Musik nicht immer direkt emotional bewegt, aber es gibt durchaus genießbare Momente. Das Album wirkt teilweise sehr unausgeglichen. Es gelingt, viele der Gefühle in gute Songs zu verpacken, aber oft wirkt dies sehr gezwungen. Dafür reißen die elektronischen Melodien eine Menge heraus und können die mittelmäßigen Lyrics noch in einen ansehnlichen Titel verwandeln. Kein Album, das mit Geschwindigkeit oder unbedingter Tanzbarkeit auffährt, aber eins, das man durchaus in sein Herz lassen kann. Ein Versuch ist es jedenfalls wert.

Video

Trackliste

01 Cruel Heart Love Gone
02 It´s A Disaster
03 I Apologize No More
04 Come Home
05 Woman
06 Selfish Bruises
07 Cruel Is Love
08 Got My Reasons
09 Beating Myself Up
10 So We Move On

Details

Ryan Holiday – Tumblr
Ryan Holiday – Facebook

Label: Gertrud Tonträger / Zebralution
Vö-Termin: 26.06.2015
Spielzeit: 38:41

Copyright Cover: Gertrud Tonträger



Über den Autor

Christopher