Review

Wenn ein Booklet beinahe dicker ist als die Spielzeit eines Albums lang, dann spricht das beispielsweise dafür, dass die verantwortliche Band mit Vollgas durch ihre Tracks prescht. So geschehen auf dem Debüt „Ruynor“ von der gleichnamigen Band aus Geislingen an der Steige.

Jene zeigen nicht nur auf dem Cover ihres Erstwerks in ihren engen Hosen dicke Eier, sondern auch textlich.
Die permanente „Fuck off“- und „Fuck you“-Attitüde wird bereits im Intro-ähnlichen Opener „We don’t care“ ausgepackt, dessen auf Revolte gemünzte Lyrics („Our music is too primitive – We don’t care! And you don’t want what we give – We don’t care! And you don’t like us in all – We don’t care! Coz we are Ruynor – Fukk you all!“) richtungsweisend für das noch Folgende auf „Ruynor“ sind.

Rotzig, roh und rudimentär fällt der EP-Länge, aber dennoch zehn Songs umfassende Silberling von Ruynor aus; nicht umsonst ist bei der Band selbst die Rede von einem „primitiven Mix aus Punk, Metal und Rock ‚N‘ Roll“.
Dieser hält sich stilistisch im Dunstkreis von Bands wie Motörhead und Ramones auf, sodass Hörer dieser Truppen auch bei Ruynor ein Ohr riskieren können.

Große Überraschungen oder Highlights sollte man dabei allerdings nicht erwarten. Das Trio infernal ist vielmehr angepisst von allem und jeden: Eine missständische Gesellschaft, Rassismus, Politik, Intoleranz und Arbeitslosigkeit sind nur einige Themen, über die Ruynor auf ihrem Album musikalisch und textlich ihren Frust abbauen (und wer die Nachrichten verfolgt oder nicht ganz blind durch die Welt geht, muss sagen: zu Recht!).
Dafür wählt man den direkten Weg. Ohne Schnörkel, Soli oder Abwechslung kommt die Band in jedem knackigen Song prompt auf den Punkt. Die einzelnen Titel setzen allesamt auf Wiederholungen und Simplizität.
Dadurch klingen die Tracks insgesamt recht ähnlich, zumal auch in Sachen Tempo punktypisch nicht nennenswert variiert wird, allerdings liegt bekanntlich ja auch in der Kürze die Würze.

Und auch wenn uns Fernsehsender wie RTL II etwas anderes lehren, aber primitiv muss nicht immer auch gleich schlecht sein. Gerade der (auch soundtechnisch festzustellende) Charme, scheinbar unüberlegt zu den Instrumenten zu greifen und sich unabhängig von der Meinung anderer über diverse Missstände auszukotzen, ist bezeichnend für Ruynor, die damit – auch wenn sie es vielleicht nicht wollen – Sympathiepunkte sammeln.

Ruynor (Copyright: Ruynor)

Ruynor (Copyright: Ruynor)

Anzumerken sei jedoch, dass bei aller Leidenschaft zum Individualismus und zur Unangepasstheit dennoch professionell zu Werke gegangen wird. Vieles scheint den Mannen aus Baden-Württemberg also egal zu sein, das allerdings nicht. So vermitteln die Titel auf „Ruynor“ zwar, dass hier aus dem Stand heraus drauflos gespielt wird, doch nur weil ausgefeilte Soli fehlen oder sich besser gesagt damit erst gar nicht aufgehalten wird, besitzen Ruynor nicht minder Talent als andere Bands. Das zeigt sich auch im Gesang. Vor allem die inbrünstig vorgetragenen tieferen Töne erinnern an Lemmy Kilmister, darüber hinaus beweist man stimmlich aber auch ein eigenes Profil, das sich selbstverständlich weit entfernt von einer klassischen Gesangsausbildung befindet, dafür aber hervorragend zum hier gezockten Stil passt.

Die Messages sind gewichtig, die Umsetzung jedoch sehr einfach gehalten. Trotzdem zünden einige Songs sofort und insbesondere ihre straighten Strukturen und die prägnanten Songlängen verleiten zum wiederholten Hören. Obwohl Ruynor nicht gefallen wollen, wird ihr ehrliches, energiegeladenes und fern jeder Konformität angesiedeltes Debütalbum seine Hörer finden.

Video

Tracklist

01 We Don’t Care
02 Metal Punk Bangover
03 Working Class Strikes Bakk
04 Fuck Off And Die
05 You’ve Got The Face – I’ve Got The Spikes
06 Hey Ho, Lemmy Go!
07 Heavy Metal
08 I’ll Beat You Blakk & Blue
09 I Just Want To Have Something To Do
10 Gott schütze die Kanzlerin

Details

Ruynor – Facebook

Label: Unholy Fire Records
Vö-Termin: 31.10.2015
Spielzeit: 26:11

Copyright Cover: Unholy Fire Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde