Review

Dieses Gefühl, wenn man nordisch anmutende Klänge vernimmt, ist so schwierig zu beschreiben. Ist es nun Sehnsucht oder Wehmut? Reiselust oder Heimweh? Dieses Ziehen im Herzen – vor Glück oder Trauer? Wie auch immer man das Gefühl in Worte fassen möchte – eines begleitet es immer: dieses kleine Lächeln auf den Lippen. Und genau dieses schleicht sich auch auf das Gesicht, wenn man das neue Studioalbum „The Story“ von Runrig hört.

Schon der Name des Albums und auch der gleichnamigen ersten Single sind bezeichnend: „The Story“ – die Geschichte. Denn das nun inzwischen 14. Studioalbum soll auch ihr letztes sein. Das heißt nicht, dass die erfolgreiche Band aus Schottland sich nun auflöst, sondern einfach, dass Runrig einen Punkt erreicht haben, an dem sie resümieren und neue Wege einschlagen wollen. Doch das Album klingt genauso wie immer – vielleicht nur eine Spur nachdenklicher. Der Eingangstrack „The Story“ bringt dieses Gefühl genau auf den Punkt und hätte nicht besser als Opener gewählt werden können. Der leise Gitarreneinstieg, dem der charakteristische Gesang auf teilweise Englisch und teilweise Gälisch folgt, wird im Refrain von einer treibenden, melancholischen Melodie komplettiert. Der perfekte erste Eindruck des Albums.

Runrig (Copyright: Matt Liengie)

Runrig (Copyright: Matt Liengie)

Das sich daran anschließende Stück „Onar“ (gälisch für „allein“) führt diese Stimmung fort: Mit klassisch rockigem Ambiente aus Schlagzeug und Gitarre geht der Song direkt ins Ohr, der traditionelle Refrain steht dem modernen Rock-Ambiente gegenüber, welches auch ungewöhnliche Einflüsse wie ein Saxofon aufgreift und somit ein wirklich spannender Mix aus den verschiedenen Sphären bildet, in denen sich Runrig seit jeher bewegen. Während sich textlich mit einem spirituellen Gedanken beschäftigt wird, lenkt das musikalische Geschehen aber den Song in eine weniger pathetische als eher fetzige Richtung. Definitiv ein Song für Live-Konzerte!

„The Rise and Fall“ lädt nach diesen beiden Krachern zur ersten Verschnaufpause ein. Ein ruhiger Song, in welchem zunächst das Piano und ein bewegender Gesang im Mittelpunkt stehen. Eine leise Trommel erinnert auch musikalisch an das Thema der Ballade: Den Schmerz einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg miterlebte. Um die emotionale Stimmung aufrechtzuerhalten, braucht es nicht viel, das Setting bleibt reduziert, entfesselt sich gegen Ende aber doch kurz, um dann nahtlos in „Elegy“ überzugehen. Einem leisen, fast schon sanften instrumentalen Epilog, nur getragen von dem anfänglichen Piano. Zusammen sind diese beiden Songs voller Erinnerungen, die den Hörer aber versöhnt in das Kommende entlassen.

Um aus dem melancholischen Tief des Albums wieder gänzlich herauszukommen, knüpft das beschwingte „Every Beating Heart“ als nächstes an. Eine verspielte, leichte Akustik-Gitarre, ein vibrierender Gesang – ganz typisch schottischer Folk, der aber auch mit dem dunklen Bass im Hintergrund leise Anspielungen in Richtung Country unterbringt. Mal wieder zeigt sich, dass Runrig keine typische Folkband sind, sondern es verstehen, ganz feine musikalische Gewebe zu spinnen.

In „The Years we shared“ wandelt sich die Stimmung des Albums erneut. Klavier, Violine, dazu ein fast schon hymnischer Refrain – dieser Song ist allen Fans und Begleitern gewidmet, die in über 40 Jahren Bandgeschichte an der Seite der sechs Schotten gewesen sind. Es fühlt sich schon ein wenig nach Abschied an, aber tatsächlich hat man gerade erst die Hälfte des Albums erreicht.

Die aufkommende Wehmut findet im anschließenden Song „When the Beauty“ ein warmes Nest. Er ist ursprünglich und pur, reduziert auf eine leise Orgel und emotionalen, teilweise gälischen Gesang, mit eingängigem Gitarrenthema.

Wiederum komplett in englischer Sprache kommt das Stück „18th July“ daher. Im Vergleich zum Vorgänger wirkt es fast schon grob, knüpft in Wahrheit aber an große Rock-Klassiker an. Der Song ist kräftig und nicht so verspielt. Er hat eine Botschaft, eine Frage, die dank des eingängigen Refrains noch lange nachklingt: Wie setzt sich die Trauer eines Einzelnen mit dem Leid vieler in Beziehung? In unserer heutigen Gesellschaft leider ein absolut aktuelles Thema.

„Au-Duigh Ghabh mi Cuairt“ ist ähnlich besinnlich, allerdings wieder mit dem typischen Klang der schottischen Folklore, gepaart mit modernen Rock-Einflüssen. Der Track ist komplett in gälischer Sprache verfasst und handelt von Dankbarkeit. Mit dem eingesetzten Chor sorgen Runrig hier eindeutig für Gänsehautstimmung und wieder einmal für ein wehmütiges Lächeln. Fast kein anderer Song auf dem Album lädt so sehr zum sehnsüchtigen Träumen von Küsten, grünen Highlands und der rauen, wunderschönen Natur ein. Und je öfter man ihn hört, desto tiefer gräbt er sich ins Herz.

Runrig wären aber nicht Runrig, wenn sie nicht mindestens einen Song auf dem Album hätten, der einfach gute Laune verbreitet. Auf „The Story“ ist das der vorletzte Track „The Place where the River Run“. Hier verbindet sich bester, ursprünglicher Folk samt Dudelsack und traditioneller Trommel mit geradliniger, schnörkelloser Rockmusik. Schmissig und garantiert jetzt schon ein Dauerbrenner auf Konzerten, erinnert er doch an die Anfänge der Band, als sie noch in Dancehalls spielten.

Doch irgendwann ist auch die schönste Geschichte zu Ende und so gipfelt „The Story“ im tief ergreifenden „Somewhere“, ein Lied, das dieses Gefühl aus Wehmut und Sehnsucht noch einmal kitzelt. Emotional mit Violine und Gesang, regelrecht episch anmutend verabschieden sich die Schotten von ihren Fans und Begleitern und versprechen doch ein Wiedersehen: „Somewhere in the Dark, I’ll find you, somewhere in the Light, I’ll meet you there…“

Und schließlich klingt der Song und damit auch das letzte Studioalbum von Runrig mit einem Rauschen wie bei einem verzerrten Radioempfang aus, Satzfetzen schwirren mal lauter, mal leiser umher und dann – Stille. Das wars.

Runrig (Copyright: Matt Liengie)

Runrig (Copyright: Matt Liengie)

Ob es nun dem Fakt geschuldet ist, dass dieses wohl der letzte Studiosilberling sein soll, oder ob es einfach der natürliche Lauf der Dinge ist, aber hier haben Runrig etwas Großartiges geschaffen. Ein würdiger Abgang, der so aber doch wiederum keiner ist, denn eine Trennung der Band soll nicht stattfinden. Wie es mit den sechs Schotten weitergeht, wissen sie wohl selbst noch nicht so ganz – müssen sie aber auch nicht, solange sie ihre Hörer weiterhin mit dieser einzigartigen Mischung aus Folk und Rock verwöhnen. Und mit „The Story“ haben sie auf jeden Fall genügend Stoff dafür geliefert!

Zusammenfassend kann man zum 14. Album sagen: Zehn Erinnerungen, zehn Abschiede und dennoch auch zehn warme Umarmungen. Es bleibt am Ende dieses bittersüße Lächeln auf den Lippen.

Anspieltipps
The Story / Onar / Every beating Heart / The Place where the River run

Video

Tracklist

01 The Story
02 Onar
03 Rise & Fall / Elegy
04 Every Beating Heart
05 The Years We Shared
06 When The Beauty
07 18th July
08 Au-Duigh Ghabh Mi Cuairt
09 The Place Where The River Runs
10 Somewhere

Details

Runrig – Homepage

Label: Rca Deutschland (Sony Music)
VÖ-Termin: 29.01.2016
Spielzeit: 48:26

Copyright Cover: Sony Music



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.