Review

Die Band Run Liberty Run aus Karlsruhe hat eine Grundüberholung hinter sich, die von den einstigen TV-Fernsehshow-Teilnehmern nicht mehr viel übrig gelassen hat – außer die weißen Outfits. Noch unter dem Namen Rune traten die Jungs 2012 bei der Casting-Show „X-Factor“ an und überzeugten mit ihrer Metal-Dubstep-Interpretation des Songs „Titanium“. In der Zwischenzeit fand man bei earMusic ein musikalisches Zuhause und gemeinsam bringt man nun das aktuelle Album „We Are“ auf den Markt.

Dass sich die darauf zu findenden zehn Songs ebenfalls von einst beschrittenen stilistischen Pfaden unterscheiden werden, kündigte das Quartett bereits an, denn „die Musik sollte abwechslungsreicher und ausgefeilter werden. Sie wollten nicht mehr einfach nur draufhauen. Der neue Fokus sollte mehr Tiefe bringen. Die Aggressivität weniger intensiv und bedächtiger sein. Stilmittel sollten gezielter eingesetzt werden, die Texte tiefsinniger sein.“

Tatsächlich sind die Melodien nun auch das herausragendste Merkmal des Albums. Gleichzeitig signalisiert die Eingängigkeit der Songs die neue Richtung gen Massenkompatibilität. Wenngleich harte Passagen innerhalb eines Tracks ihren Platz finden, fallen die Titel insgesamt sehr radiotauglich und an eine breite Masse an Hörern gerichtet aus.
Mitsingbar, hymnenhaft und produktionstechnisch modern und dicht angelegt, ist der Band mit dem Album bereits nach dem ersten Durchlauf ein großer Erfolg inklusive diverser Chartplatzierungen prognostiziert.

Unter diesem Gesichtspunkt ist auch unsere Wertung von 4,5 Sternen zu verstehen, denn unumstritten landen Run Liberty Run mit jedem ihrer Songs – ob gefühlvolle Ballade oder eingängige Alternative Rocknummer – eine Punktlandung.
Besonders im direkten Vergleich zum einstigen Coversong „Titanium“ hört man aber die auf Kommerz gedrillte Marschrichtung deutlich heraus. Hagelte hier noch Dubstep krachend auf den Song nieder und wurde auch vor gutturalen Elementen nicht zurückgeschreckt, ist die elektronische Beigabe auf „We Are“ nun vielmehr im seichten Synthpop anzusiedeln. Jene wirkt dazu noch – u.a. durch ähnliche Songaufbauten – sehr monoton und vorhersehbar, im Popbereich kein ungewöhnliches Verkaufsargument, auch wenn diesbezüglich deutlich mehr Raffinesse wünschenswert gewesen wäre.

Run Liberty Run (Copyright: Eric Anders)

Run Liberty Run (Copyright: Eric Anders)

Auch gesanglich hätte es mehr Profil sein dürfen. Dass sich Fronter Shep mit seiner Stimmfarbe und den vorhandenen Ecken und Kanten nicht verstecken muss, dürfte klar sein, umso erstaunlicher, dass er genau dies hinter allzu viel Hall auf „We Are“ beinahe ausnahmslos tut. Zum modernen Gesamtklangbild, welches mit dem Album verfolgt wurde, durchaus passend, verliert die Stimme dadurch jedoch an Wiedererkennungswert und Eigenständigkeit.

Kritischer betrachtet, sollte dem Gesamturteil zudem aus anderen Gründen mindestens ein Punk abgezogen werden, denn mit dem Spagat zwischen eigenem Stil und massentauglicher Musik befindet man sich nah vor einer Zerrung. So schnell wie sie in den Charts vertreten sein werden, so schnell sind sie anschließend auch wieder vergessen, sollte zukünftig nicht mehr riskiert, mehr Innovation geliefert und das eigene Profil deutlicher herausgearbeitet werden, denn auf „We Are“ gehen Run Liberty Run stets auf Nummer sicher, bewegen sich durch das Tangieren des Popbereichs jedoch permanent an der Grenze zur Beliebigkeit und Schnelllebigkeit. Als Kompromiss sollte man für weitere Veröffentlichungen daher den Fokus auf eine größere und vor allem mutigere Bandbreite an Songs legen.

Video

Tracklist

01 Ashes And Dust
02 We Are
03 Rain
04 Where Are You Now
05 Start A Fire
06 C L O S E R
07 Take Me
08 Sayonara
09 Hold On
10 Bengal Fires

Details

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Label: earMusic / Edel
Vö-Termin: 22.07.2016
Spielzeit: 41:43

Copyright Cover: earMusic



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde