Review

Fast ein wenig Apocalyptica-mäßig starten Rise Against in ihr neues und inzwischen siebtes Studioalbum „The Black Market“, nur um nach diesem streicherlastigen Intro gewohnt punkrockig loszulegen. Damit beweist die US-amerikanische Band, bei Universal Music unter Vertrag, auch nach dreijähriger Pause die Boxen noch zum Bersten bringen zu können.
„The Great Die-Off“ markiert dabei einen würdigen Opener, der – ausgestattet mit einigen Breaks, gefolgt von Rhythmuswechseln – sehr abwechslungsreich wirkt.

Schon jetzt überzeugt die herausragende Gesangsleistung von Frontmann Tim McIlrath, der auch im weiteren Verlauf so intoniert, wie es der jeweilige Song erfordert. Mal rau, dreckig und druckvoll, dann sehr klar und sanft, McIlrath schlägt immer den richtigen Ton an.
Begleitet wird die mit viel Wiedererkennungswert gesegnete Stimme zudem teilweise mit Gangshouts. Diese sind meist dezent im Hintergrund platziert und bereichern Songs wie „I Don’t Want To Be Here Anymore“ oder den Titeltrack „The Black Market“.

„I Don’t Want To Be Here Anymore“ ist es auch, der zu Recht als erste Singleauskopplung fungiert. Knackig im Tempo, gut nach vorne gespielt und mit einem epischen Refrain versehen, schließt er an die Qualitäten des Openers an.
Dabei werden Emos ebenso auf ihre Kosten kommen wie Fans von Punk Rock der modernen amerikanischen Prägung.
Der Song geht nämlich sofort ins Ohr und hallt dort auch noch lange nach. Großes Livepotenzial ist ihm ebenfalls zu bescheinigen.

Rise Against (Copyright: LeAnn Mueller)

Rise Against (Copyright: LeAnn Mueller)

Damit liefern Rise Against schon gleich zu Beginn zwei Toptitel ab, mit denen sich die Folgesongs nun messen müssen. Dies gelingt mal sehr gut, mal aber auch nur mäßig. Denn fortan findet das Quartett aus Chicago zwar eine solide Mischung aus massenkompatiblen Titeln und härteren, punklastigen Songs mit Hardcore-Elementen, sodass Abwechslung auf „The Black Market“ weiterhin gewährleistet wird und Fans mit unterschiedlichen Vorlieben im Melodic Hardcore- und Punk Rock-Sektor bedient werden, allerdings wissen Rise Against einfach besser zu gefallen, wenn harsch in die Saiten gegriffen und das Schlagwerk ordentlich malträtiert wird; Bravo-taugliche Bands, die wissen, wie sie Gitarren zu spielen haben, gibt es schließlich schon wie Sand am Meer.

Erstmals gemäßigter, ja, fast schon zahm gibt man sich bereits im anschließenden „Tragedy & Time“. Während instrumental flott durch den Song geprescht wird, bleibt die Songstruktur sehr einfach. Somit ist weniger Abwechslung als noch in den vorherigen Titeln gegeben, dafür präsentieren Rise Against aber das, was in Amerika durchaus Chartpotenzial besitzt und auch in Deutschland eine breite Masse ansprechen dürfte.
Wer nun aber Melodic Hardcore und/oder Punk Rock erwartet, empfindet „Tragedy & Time“ vielleicht ein wenig zu poppig und artig. Es fehlen Ecken und Kanten, wie etwa gesangliche Akzente. Nicht falsch verstehen, die Stimme ist hier immer noch sehr gut, der Song als solcher geht aber zu unspektakulär und wie schon oft woanders gehört am Hörer vorbei. Ein gewisser Ohrwurmfaktor ist dennoch zu bescheinigen, obschon oder gerade weil der Track derart auf Mainstream gedrillt wurde.

Der Titeltrack „The Black Market“ stellt zunächst den Gesang ins Zentrum des Intros, das hinzukommende Schlagzeug bringt dann Tempo in den Track. Es bleibt aber hier lange Zeit noch sehr brav; erst im Break und im Refrain gilt es, auszurasten und der Song gewinnt an Härte und markanten Akzenten. Zudem nimmt die Punk-Note zu. Die Gitarrenarbeit ist einfach, aber schön melodisch und überzeugend.

Bevor man sich nun aber an die sanftere Seite von Rise Against gewöhnt, halten prompt wieder Hardcore-Elemente Einzug auf „The Black Market“. Als habe man selbst die weichgespülte Tour der letzten beiden Titel satt, trumpft man in „The Eco-Terrorist In Me“ mit einer explosiven Mischung auf, die durch den leicht geshouteten und aggressiven Gesang teilweise erst so richtig zündet. Durch das hohe Tempo wirkt der Titel nicht nur sehr kurzweilig, mit 2:45 Minuten ist „The Eco-Terrorist In Me“ auch tatsächlich der kürzeste Song des Albums.

So richtige Kracher, wie zu Beginn gezeigt, findet man schließlich weder im Nickelback-artigen „Sudden Life“ noch in „A Beautiful Indifference“ oder dem balladesken „Methadone“. Diese Tracks sind gut gemacht, keine Frage, vor allem besitzen sie Melodien, die begeistern und mitreißen, aber so richtig aus sich rausgehen will die Band scheinbar nicht mehr. Während dem Opener und der Single noch in obsessiven Bang- und Pogoorgien gehuldigt werden konnte, eignen sich die meisten Songs verstärkt zum unterhaltsamen Nebenbeihören oder als Hintergrundbeschallung.

Aufhorchen lassen dann noch einmal die Tracks „Zero Visibility“ und „People Live Here“.
So sind dunkel gestimmte Gitarren und verzerrter Gesang die Zutaten für „Zero Visibility“, dessen Refrain das Tempo der Strophen komplett anzieht. Das Lied erscheint sehr lang, lässt aber dadurch gleichzeitig den unterschiedlichen Phasen des Stückes genug Zeit, sich zu entfalten. Und vor allem die langsamen Sequenzen kommen sehr eindringlich beim Hörer an.

Rise Against (Copyright: Universal Music)

Rise Against (Copyright: Universal Music)

„People Live Here“ ist hingegen eine Akustikballade, die konsequenterweise den Gesang in den Vordergrund stellt. Zusätzlich sind Streicher auszumachen. Von Hardcore-Zügen oder Punk-Attitüden fehlt allerdings jede Spur, dafür nimmt die Botschaft des Songs mehr Raum ein.

Die Texte sind es auch, die bei Rise Against (schon immer, aber hier im Besonderen) extra Beachtung bedürfen, denn die politisch sehr engagierte Band gibt sich auf „The Black Market“ erstmals äußerst persönlich und setzt sich mit dem Preis auseinander, den man als Mensch dafür zahlen muss, sich seiner selbst bewusst zu sein. McIlrath dazu: „Rise Against war schon immer eine politische Band, aber eben auch eine Band, die sehr persönliche Themen in den Songs verhandelt. Unsere Songs haben schon immer diese beiden Welten vereint, und ich persönlich finde, dass Introspektion eine viel größere Rolle auf dem neuen Album spielt.“

Dem stimmen wir zu, und vielleicht ist es dadurch auch verständlicher, wieso man mit einigen Songs wahre Genre-Highlights präsentiert, andere aber eher für eine breite Masse an Hörern konzipiert hat; denn wenn man etwas mitzuteilen hat, das viele Menschen erreichen soll, muss man sich auch mit angepassteren und zahmeren Songvarianten auszudrücken verstehen, obwohl insbesondere der Gesang perfekt zu einem gewissen Härtegrad passt, den sich Rise Against auf „The Black Market“ nur ab und an gönnen. Nichtsdestotrotz liefert die Band insgesamt zwölf Titel mit radiotauglicher Songlänge ab, die auch nach mehrmaligem Durchlauf noch begeistern können und sicherlich auch die Livesetlist der Band ab sofort bereichern werden.

Tracklist

01 The Great Die-Off
02 I Don’t Want To Be Here Anymore
03 Tragedy + Time
04 The Black Market
05 The Eco-Terrorist In Me
06 Sudden Life
07 A Beautiful Indifference
08 Methadone
09 Zero Visibility
10 Awake Too Long
11 People Live Here
12 Bridges

Details

Rise Against – Homepage
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Label: Universal Music 
Vö-Termin: 11.07.2014
Spielzeit: 46:18

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde