Review

Rein vom Cover her könnte man hier auf eine Noise/Powerviolence-Band schließen, tatsächlich repräsentiert „Im Argen“ aber das genaue Gegenteil davon. Radare stellen unter diesem Titel ihr bereits drittes Album vor. Die vier Jungs aus Wiesbaden bewegen sich auf der Platte weg von ihrem energetischeren Auftreten und praktizieren ein Gemisch aus doomigen Jazz und Ambient in höchster Konzentration.

Für ihre Musik nimmt sich die Band alle Zeit der Welt, die sie benötigt, um jeden Ton zielgenau zu platzieren. Man bedient sich einem langsam voranschreitenden Sound, der sicherlich als effektives Stilmittel viel zur Atmosphäre beiträgt.

Eins der wohl stärksten Instrumente, wenn es zur Transferierung der Stimmung kommt, ist die Klarinette. Es gibt kaum etwas anderes, was einem mehr Unbehagen verschaffen kann als der tiefe, vibrierende Ton dieses Blasinstruments. Genau das macht „Im Argen“ aus, dieses Gefühl in einer Situation, das einen sagen lässt „ich wäre jetzt viel lieber woanders“.

Die Aufmachung der Platte passiert durch verschiedene Fotos in schwarz-weiß, die zwar unterschiedliche Thematiken aufweisen, aber doch durch irgendetwas verbunden sind. Für mich wäre auch der Squash-Raum perfekt als Cover gewesen, der auch im Song „Burroughs“ thematisiert wird. Der simple Einsatz von Klängen prägt darin den Sound. Es passiert nicht wirklich viel, aber durch das nahtlose Zusammenspiel der Band ergeben sich teilweise Empfindungen, die über die normale Intention eines Titels hinausgehen.

Einstellen darf man sich als Hörer auf einen so lässigen Jazz, der immer kurz davor steht, in den Abgrund zu stürzen. Nicht zuletzt durch die weichen, aber bestimmt gespielten Drums, die manchmal ein zu starkes Abdriften in den Doom-Bereich noch verhindern können. Durchgehend rollender Bass und dezent gespielte Akkorde auf der Gitarre werden begleitet von einer untypisch ruhigen Trompete. Radare lassen sich zu keiner Zeit in Extremitäten verwickeln, bleiben menschlich und kommen auch ein klein wenig rau daher.

Radare (Copyright: Radare)

Radare (Copyright: Radare)

Bei „Im Argen“ muss man sich stellenweise länger gedulden, bis einem ein neuer Klang empfängt. Aber das ist nichts, was man den Songs negativ auslegen kann, weil sie quasi aufgrund dieser Vorgehensweise ihre akustische Existenz beweisen. Es ist nur nicht unbedingt etwas für diejenigen, bei denen es schnell zur Sache gehen muss. Dennoch scheint es so, als ob sich die fünf Titel zu einem Durchbruch aufbauen, der scheinbar nie stattfindet. Mal abgesehen von „Damsel in Distress“, bei dem Radare am Ende sehr hartes Drumming auffahren, bleibt man ohne generell aufzufallen für sich.

Wenn auch schwere Kost, weist „Im Argen“ eine in sich schlüssige Struktur auf. Mit düsteren Melodien, akzentuierten Riffs und fesselndem Groove verleihen Radare ihrem Gesamtkonzept eine Menge eigenen Ausdruck. Das Album hebt sich ab von einem regulären Jazz-Sound, während es weit entfernt einer nach Plan generierten Atmosphäre agiert. Wer nach smoother und gleichzeitig ansprechend, drückender Musik sucht, für den gilt: zugreifen!

Anspieltipps:
Burroughs / Damsel In Distress / Das Einsame Grab Des Detlef Sammer

Video

Trackliste

01 Please Let Me Come Into The Storm / Luke
02 Das Einsame Grab Des Detlef Sammer
03 Burroughs
04 The Queue
05 Damsel In Distress

Details

Radare – Homepage
Radare – Facebook

Label: Golden Antenna Records
Vö-Termin: 25.09.2015
Spielzeit: 35:08

Copyright Cover: Golden Antena Records



Über den Autor

Christopher