Review

Playtaste drücken, sofort drängt „Pure Morning“ mit seinem treibenden Beat und Brian Molkos typisch getragener Stimme ans Ohr als sei es 1998 und man hätte gerade „Without you I’m nothing“ in den CD-Player geschmissen. Nach nicht mal vier Minuten Nostalgie dann der krasse Umschwung – nun verbreitet „Jesus Son“ mit deutlich poppigem Einschlag aus den Lautsprechern gute Laune. Genau so geht es auch mit den übrigen 34 Tracks weiter. Ja, Placebos neuster Streich „A Place For Us To Dream“ ist eher unkonventionell aufgebaut.

Ganz konventionell hingegen für die Gestaltung einer Best-of-Platte: Statt sich auf Lieblingssongs von Band und Fans zu konzentrieren, wirft das derzeitige Alternative Rock-Duo neben einem kleinen neuen Song noch einmal alle Singles in komprimierter – und chaotischer – Form auf den Markt. Das kennen alle Fans so ähnlich schon von „Twenty Years“. Wer sich damals schon den Jubiläumsfeierlichkeiten hingegeben hat, besitzt manche Songs demnach mindestens zwei Mal, mit Live-Versionen und Singles sogar noch öfter. Hier darf man durchaus laut darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht auch gereicht hätte, die Singles der zweiten Dekade allein auf einer zweiten Best of zu sammeln – aber auf der anderen Seite betrifft das Phänomen sicherlich nur wirklich sammelwütige Fans, die sich sowieso nicht vom Sammeln abhalten.

Im Unterschied zu früheren Song-Versionen wurden dieses Mal von der Band allerdings auch Songversionen ausgewählt, die so nicht auf den Alben zu finden sind. Das sind dann beispielsweise Radio- und Singleversionen, Edits und Redux-Varianten, die immerhin etwa die Hälfte der Titel ausmachen. Trotz dieser Abweichungen muss man allerdings festhalten, dass die meisten Songs mehr oder weniger wie bekannt beim Ohr ankommen. Eine Radioversion, beispielsweise von „Taste in men“, klingt dann doch, als hätte man gerade „Black Market Music“ einlegt.

Ein paar Überraschungen gibt es aber doch. Da wäre zum einen die 2016er Version von „36 Degrees“. Während die ursprüngliche Fassung direkt ins Ohr peitscht, geht es hier langsamer, beinahe getragen zu. Dadurch bekommt der Song eine ungeahnt romantische Note. Ebenfalls in diese Richtung geht die legendäre „Without you I’m nothing“-Version mit David Bowie. Gänsehaut pur!

Der „Battle for the Sun“-Song „Breathe Underwater“ hingegen hat ein absolutes Make Over bekommen. Wo in der Originalversion ein treibender Beat und drängende Gitarrenriffs Molko antreiben, kommt der slow Track als astreine Lounge-Variante daher. Ein verspieltes Klavier, sanfte Drumsounds – ein Gewand, das dem Song wirklich gutsteht. Auch wenn mir die Originalversion ein My besser gefällt.

Placebo (Copyright: Scarlett Page / Universal Music)

Placebo (Copyright: Scarlett Page / Universal Music)

Nach dem Schema „schnell gut, langsam noch besser“ haben außerdem auch „Because I Want You“ und „I Know“ jeweils eine langsame, sanfte Version verpasst bekommen. Auch diesen zwei Tracks steht das neue Gewand gut. Außerdem sorgen sie für eine nette Abwechslung beim Hören. Wirklich die Ohren spitzen werden deutsche Hörer aber wohl eher bei „Lazarus“. Titel noch nie gehört? Kein Wunder, der Song wurde so in Deutschland bisher noch nie veröffentlicht. Allein auf der US-Version von „Meds“ bzw. der gleichnamigen (deutschen) Singleauskopplung fand sich, übrigens mit einem weiteren unbekannten, der rockige Song bisher. Das ist doch mal eine nette Überraschung!

Abgesehen von dieser Single-Sammlung erscheinen übrigens alle nicht-digitalen Versionen von „A Place For Us To Dream“ mit einem etwas ausführlicheren Booklet mit Fotos aus 20 Jahren Bandgeschichte. Nice to have!

Das ist auch ein gutes Gesamtfazit: „A Place For Us To Dream“ besitzt einige Songperlen. Allerdings fallen die Feinheiten und Unterscheidungen wohl wirklich nur Hardcore-Fans auf. Gelegenheitshörer, die ihr Lieblingsalbum schon besitzen, oder auch Neulinge bekommen hier die Gelegenheit, sich über das gesamte Schaffenswerk der Band einen Überblick zu verschaffen. Darüber hinaus wird die Sammlung aber wohl eher etwas für Sammler sein.

Trailer

Video

Tracklist

01 Pure Morning – Radio Edit
02 Jesus‘ Son – Radio Edit
03 Come Home
04 Every You, Every Me – Single Version
05 Too Many Friends
06 Nancy Boy – Radio Edit
07 36 Degrees – 2016 Version
08 Taste In Men – Radio Edit
09 The Bitter End
10 Without You I’m Nothing – Single Version
11 English Summer Rain – Single Version
12 Breathe Underwater (Slow) – Single Version
13 Soulmates
14 Meds – Single Version
15 Bright Lights – Single Version
16 Song To Say Goodbye – Radio Edit
17 Infra-Red
18 Running Up That Hill
19 B3 – Radio Edit
20 For What It’s Worth
21 Teenage Angst
22 You Don’t Care About Us – Radio Edit
23 Ashtray Heart
24 Broken Promise
25 Slave To The Wage – Radio Edit
26 Bruise Pristine – Radio Edit
27 This Picture
28 Protège Moi
29 Because I Want You – Redux
30 Black-Eyed
31 Lazarus
32 I Know – 2008 Version
33 A Million Little Pieces – Radio Edit
34 Special Needs – Edit
35 Special K
36 Loud Like Love
37 Life’s What You Make It
38 Jesus Son
39 Twenty Years Live
40 Autoluminescent
41 Twenty Years Live/Acoustic
42 Song #6

Details

Placebo – Homepage
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Label: Vertigo Berlin / Universal Music
Vö-Termin: 07.10.2016
Spielzeit: 2:16:06

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Ivonne
Ivonne
"Gute Bücher sind Zeitgewinn, schlechte Bücher Zeitverderber, gehaltlose Bücher sind Zeitverlust." - Rosette Niederer