Review

Im Zuge des nun schon seit einigen Jahren anhaltenden Classic-/Retro-Rock-Booms haben sich nicht nur einige exzellente junge Bands formiert – auch einige alte Helden, die man zwischenzeitlich längst auf dem Friedhof der Musikgeschichte wähnte, haben noch einmal Morgenluft gewittert und beehren uns mit hörenswerten neuen Alben.

Dazu zählen erfreulicherweise auch Pentagram aus dem US-Bundesstaat Virginia, legendäre Veteranen des Doom-infizierten Hardrock, deren lange, wechselvolle Geschichte bereits 1971 begann. Ein auch nur halbwegs normaler Karriereweg blieb ihnen jedoch leider verwehrt, weil Sänger und Bandgründer Bobby Liebling nicht nur mit zahllosen Besetzungswechseln, sondern – wie er später in Interviews freimütig einräumte – auch mit schwersten Drogenproblemen zu kämpfen hatte. So kam es, dass zeitgleich oder nur unerheblich früher gestartete Acts wie Steppenwolf, Blue Cheer, Vanilla Fudge oder Grand Funk Railroad längst durchgestartet waren oder bereits auf das Ende ihrer Laufbahn zusteuerten, als Pentagram allererst ein stabiles Line-up gefunden hatten, dessen tragende Säule neben Liebling Gitarrist Victor Griffin war; seine Vorliebe für Black Sabbath sollte den Stil der Band ab 1981 entscheidend prägen. Erst mit Griffin kam die Band so richtig ins Rollen, sodass 1985 endlich das Debüt-Album „Relentless“ und zwei Jahre später der Nachfolger „Day of Reckoning“ veröffentlicht wurde.

Die beiden LPs mit ihren deutlich von der Allmacht aus Birmingham beeinflussten Songs, genretypischen okkulten Texten und einer düster-geheimnisvollen Atmosphäre sicherten Pentagram schnell Kultstatus im Doom-Metal-Underground, obwohl die Band sich der Heavy-Metal-Szene nie richtig zugehörig fühlte. Nach einer weiteren Platte, „Be Forewarned“ (1994), die nicht wenige Fans für den besten Release der Gruppe halten, war erst mal Schicht im Schacht – Liebling & Co. warfen, frustriert vom mangelnden kommerziellen Erfolg, das Handtuch. Zwar nahm der Bandgründer mit wechselnden Musikern sporadisch weitere Alben unter dem Namen Pentagram auf, ohne aber qualitativ zu überzeugen oder nennenswerte Aufmerksamkeit zu erregen. Die Rückkehr Griffins 2010 leitete jedoch eine Wende ein, und im Jahr darauf erblickte das Comeback-Opus „Last Rites“ das Licht der Welt, das mit starken Tracks im alten Stil punkten konnte und allseits für Begeisterung sorgte.

Nun also liegt mit „Curious Volume“ der neueste Streich aus dem Hause Pentagram vor, von dessen Cover uns ein rotäugiger Rabe in bester Poe-Manier angriffslustig entgegenblickt. Ähnlich aggressiv überfällt der zügige, beinharte Opener „Lay Down and Die“ den Hörer – ein packender und eingängiger Song, allerdings auch insofern symptomatisch für die Scheibe, als der Anteil relativ schneller, heftiger Songs ungewohnt hoch ist. An sich kein Problem, doch erweisen sich gerade diese kantigen Midtempo-Tracks, die oft wie leicht metallisierte Hommagen an die eingangs erwähnten alten US-Kollegen der Band wirken (höre „The Tempter Push“), zum Teil als etwas gesichtslos.

Pentagram (Copyright: Keith Hyde)

Pentagram (Copyright: Keith Hyde)

Mir sagen die alten Herren immer dann am meisten zu, wenn sie ein wenig auf die Bremse treten, um mit gediegen vor sich hin rollenden Lava-Riffs, schwerblütigen Gesangslinien und dezentem Pathos (nicht zu verwechseln mit seinem aufdringlichen kleinen Bruder, dem Kitsch) zu glänzen. Ein besonderes Highlight ist etwa „Dead Bury Dead“, das in bester „Snow Blind“-Manier wie eine übergewichtige Ballerina durch die Gehörgänge tänzelt. Ähnlich gelungen sind der melancholische Titelsong sowie „Devil’s Playground“ mit seinem gewaltigen, peitschenden Riff, das selbst den haarausfallgeplagten Rezensenten noch zum Bangen verführt.

Von den schnelleren Nummern wissen neben dem Opener der Ohrwurm „Close the Casket“ (dessen comichaft makaberer Text ein wenig zum Schmunzeln verleitet) und das hymnische „Walk Alone“ uneingeschränkt zu überzeugen, während „Misunderstood“ mit seiner befremdlichen Gesangsphrasierung im Refrain mit Verlaub etwas albern wirkt. Auch das abschließende „Because I Made It“ fällt ziemlich aus dem bandüblichen Rahmen, weiß aber nach einer Gewöhnungsphase durchaus zu gefallen – vor allem dank Victor Griffins exzellenter Soli, die überhaupt das ganze Album aufwerten, denn hier ist ein echter Könner am Werk, der mit seinen gefühlvollen Leads die meisten seiner sehr viel jüngeren Kollegen ganz schön alt aussehen lässt – und dem Album die bessere der beiden in Frage kommenden Bewertungen sichert.

Tracklist

01 Lay Down And Die
02 The Tempter Push
03 Dead Bury Dead
04 Earth Flight
05 Walk Alone
06 Curious Volume
07 Misunderstood
08 Close The Casket
09 Sufferin‘
10 Devil’s Playground
11 Because I Made It

Details

Pentagram – Homepage
Pentagram – Facebook

Label: Peaceville / Edel
Vö-Termin: 28.08.2015
Spielzeit: 42:18

Copyright Cover: Peaceville



Über den Autor

Marcus B.
Geburtsjahrgang von "The Clash", "Never Mind The Bollocks", "Lust For Life", "Heroes" Altgermanist, Hobby-Kryptozoologe, Martial-Arts-Nerd, Nasenaffen-Fan, Groundhopper,