Review

Prog-Rock ist ein sehr weites Feld, das als Genrebezeichnung für ein Album mehr zerstreut als sammelt. Von nervigem Klugscheißer-Gefrickel über psychedelische Klänge bis hin zu radiotauglichen Popsongs hat das Genre alles zu bieten. Tja, und ich bekam nun die erste Scheibe „Inflamed Rides“ des neuen Prog-Rock-Sternes O.R.k. serviert. In welcher Ecke des Prog-Rock O.R.k. dabei stehen? Die Frage ist eher: In welcher stehen sie nicht, denn das Line-up von O.R.k. liest sich quasi wie ein who is who von verdienten Prog-Musikern: Zur Rhythmus-Sektion um Basser Clon Edwon (Porcupine Tree) und Pat Mastelotto (King Crimson, Mr. Mister) gesellen sich Sänger Lorenzo Esposito Fornasari (Berserk!, Obake) und Gitarrist Carmelo Pipitone (Marta Sui Tubi). Eine starke Besetzung, welche die Latte in puncto Erwartung natürlich sehr hoch hängt!

Als erste Attraktion auf dem entflammten Ritt gibt es gleich mal den Eröffnungstrack „Jellyfish“. Dieser gehört zu den ausladensten Openern, die ich in der letzten Zeit gehört habe. Zäh, progressiv und ein wenig nervig macht er dem Hörer Angst, nun in den nächsten 60 Minuten in einer Grunge-Platte gefangen zu sein. Diese Taktik, anstatt einer Vorspeise gleich zu Anfang solch derbe Kost zu servieren, ist sicher mutig, könnte aber manchen Hörer davon abhalten, den Rest des Albums zu entdecken und somit einen wahrhaften Schmaus an köstlicher Musik zu verpassen.

Obwohl sehr abwechslungsreich und innovativ, sind die Songs rhythmisch durchgehend einfach gehalten. „Funfair“ basiert zum Beispiel auf einem einzigen durchgehenden Drum-Loop. Gestalt gewinnen die Lieder hauptsächlich durch die dichten Gitarrenwände und durch eine sehr vielseitige Instrumentation, die von Song zu Song variiert. Keyboards, Trompete, Elektro-Sounds: O.R.k. machen vor nichts halt und erzeugen so eine wilde Achterbahn der Gefühle, irgendwo zwischen genervter Grund-Mürrischkeit und grenzenloser Verzweiflung. Dass sich die Orks dabei allen Stilmitteln bedienen, ohne dieses Album damit zu überfrachten, zeugt von großer Songwriting-Klasse. Von „musikalischen Einflüssen“ wage ich somit auch kaum zu sprechen, zu skurril waren meine Assoziationen bei den zahlreichen Hördurchläufen. Beispiele gefällig?

„No Need“ wartet mit einem simplen, aber extrem groovenden Riff auf und könnte ohne Probleme von einer Marilyn Manson Platte stammen. „Dream of Black Dust“, ein Highlight auf diesem Album, hätte ich in allen Bereichen ungelogen auch als Erasure-Cover gekauft und „Funny Games“ erinnert mit seinen sanften Klavierklängen gut und gerne an a-ha. Ansonsten erinnert der groovende Prog-Rock/-Metal-Grundsound schon hin und wieder an Porcupine Tree, zwischendrin gibt es zudem immer wieder Akustik-Passagen und Trip-Hop-Elemente zu entdecken. Die zarte Annäherung an seichte Popmusik und Ambient-Klänge offenbart dabei eine enorme Stärke des Quartetts: Gefährlich surfen sie auf der Welle des Kitschs entlang, um gerade rechtzeitig wieder abzuspringen und mit progressiven und ausladenden Riffs jeglichen Anflug von Romantik und Charttauglichkeit gleich wieder zunichtezumachen.

O.R.k. (Copyright: O.R.k.)

O.R.k. (Copyright: O.R.k.)

Am Ende gibt es mit „Manipulation“ noch einen skurrilen Remix zum Abschluss. Spätestens hier wird deutlich, dass die Trip-Hop-Einflüsse zuvor kein Zufall waren.

Mit „Inflamed Rides“ ist O.R.k. ein erstes Prog-Highlight im noch jungen Jahr gelungen. Wer auf präzisen Math-Rock steht, findet ihn auf dieser Platte ebenso wie seichte Ambient-Klänge oder Metal-Parts. Das wirklich Tolle an dieser Scheibe ist aber, dass sie nie langweilig wird. Eine perfekte Ambivalenz aus Distanz und Eingängigkeit. Ergreifend, aber niemals greifbar!

Video

Tracklist

01 Jellyfish
02 Breakdown
03 Pyre
04 Funfair
05 Bed of Stones
06 No Need
07 Vuoto
08 Dream of Black Dust
09 Funny Games
10 Black Dust
11 Manipulation (Remix by Unungordium)

Details

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Label: Hardworld
Vö-Termin: 29.01.2016
Spielzeit: 50:48

Copyright Cover: Hardworld



Über den Autor

Tim
Je länger man kaut, desto süßer das Brot!