Review

Wenn man sich die Geschichte der Band October Tide durchliest, fällt auf, dass sie nicht nur aus Katatonia Mitgliedern besteht, sondern auch schon seit 1997 Platten kreiert. Zugegeben, zwischen 1999 und 2009 lagen elf Jahre Pause, aber wen stört das, wenn 2016 mit einem Album wie „Winged Waltz“ aufgetrumpft wird?

Der Silberling startet, wie hätte es anders sein können, ziemlich depressiv und verloren. Reichlich Hall und Molltöne stehen durch eine Gitarre allein im Raum. Kurz darauf knallt es aber schon, es wird deutlich melodischer und ein Schwung Black Metal schlägt aufs Gemüt. October Tide verkaufen jenen jedoch so gut, dass selbst Nicht-Black-Metal-Fans damit umgehen können; vielmehr drängen sich Assoziationen in Richtung alter Opeth-Veröffentlichungen auf, denn hier und da hört man etwas „Blackwater Park“ oder „Deliverane“ heraus, allerdings sind October Tide deutlich metallastiger und melodischer.

„A Question Ignite“ betont schließlich die deathmetallische Härte, die die Band eigentlich gar nicht allzu oft durchblicken lässt. Das Resultat klingt nach ein wenig Slayer, gepaart mit Sludge-Elementen, die zusammen eine mystische Mixtur ergeben. Damit wird derart viel Stimmung transportiert, dass sich bei den Hörern sofort Geschichten und Bilder im Kopf bilden wie Gedanken an dunkle Wälder, Schlachten oder ganz obskure Romanzen.

Obwohl alle Songs wirklich hörenswert sind und October Tide mit ihnen auch kontinuierlich abliefern, wäre „Lost in Rapture“ mein Anspieltipp. Er bindet alle Elemente der Band in einem Track: Kraftvolle Schläge mit guten Melodien und einem ganz bestimmten Vibe. Zum Ende hin wird der Song zudem noch derbe progressiv, doch bis dahin muss man erst einmal durchhalten.

Und schon wären wir beim einzigen Kritikpunkt von „Winged Waltz“. Die Band lässt sich viel Zeit. Das gefällt nicht jedem. „Winged Waltz“ muss in einem Rutsch gehört werden und funktioniert nicht gestückelt. Das liegt auch am Songwriting, da dieses nicht so klar nach vorne ausgerichtet ist, sondern Platz für Spielereien lässt, die sich auch im Sound widerspiegeln. Der ist nämlich so grandios, dass der Hörer die Band sofort in einem Club mit dichtem Nebel und vielen Leuten sehen will.

October Tide (Copyright: October Tide)

October Tide (Copyright: October Tide)

Vom doomigen Walzer bis hin zum leichten Death Metal Gewitter ist auf „Winged Waltz“ alles vertreten.
Drummer Jocke Wallgren (ab 2015 in der Band) war und ist eine gute Wahl, da er nicht nur fette Beats spielt, sondern diese auch sinnig verbindet und mit Leben füllt.
Fronter Alexander Högborn entspringt ganz klar dem Death Metal, da sein Hauptaugenmerk auf tiefen und brutalen Growls liegt. Für „Winged Waltz“ wollte er aber nach eigener Aussage alle Kraft in einen emotionalen Gesang legen – und das ist ihm auch hervorragend geglückt. Natürlich muss man auf diese Art Gesang stehen, dennoch ist die Leistung grandios.
Die Saiteninstrumentalisten klingen zudem richtig fett und minimal rotzig, wie es sich für Musik mit einem Death Metal-Charakter gehört. Fredrik und Emil sind Freunde der lässigen Riffs mit Message. Gut geschriebene Melodielinien mit klasse Leads stehen an der Tagesordnung und lassen den Hörer in andere Welten abdriften.

October Tide veröffentlichen mit „Winged Waltz“ ein wirklich gutes Album. Für Fans des Death/Doom-Mix mit Sludge-Elementen ist das genau das Richtige. Man muss es zwar mögen, sich auf ein Album komplett einzulassen, dann aber gibt es hier ein Sahnestück. Gerade Fans der alten Opeth-Sachen sollten mit „Winged Waltz“ viel Spaß haben.

Video

Trackliste

01 Swarm
02 Sleepless Sun
03 Reckless Abandon
04 A Question Ignite
05 Nursed By The Cold
06 Lost In Rapture
07 Perilous
08 Coffins of November

Details

October Tide – Homepage
October Tide – Facebook

Label: Agonia Records / Soulfood
Vö-Termin: 22.04.2016
Spielzeit: 55:33

Copyright Cover: Agonia Records



Über den Autor

Marcus