Review

Es gibt Bands, die erheben den Anspruch, furchtbar gesellschaftskritisch zu sein. Und dann gibt es Combos, die sich selbst kein bisschen ernst nehmen und daraus auch keinen Hehl machen, sondern sich eben die gute Laune auf die Fahne geschrieben haben. Ob das beides aber vielleicht auch in Kombination geht, fragt man sich nach dem Hören des neuen Albums der deutschen Folkband Nobody Knows.

Mit dem klangvollen Namen „Urbane Camouflage“ ist eigentlich schon das Programm der Platte ablesbar: ein bunter Flickenteppich aus ganz unterschiedlichen Ansätzen, Meinungen, Gedanken und Themen. Wie eine Umfrage zum Thema „…und woran denkst Du gerade so?“ erstrecken sich die Texte der Band von politisch brisanten Fragen bis hin zum gewohnten Firlefanz des Alltags, wodurch eine abenteuerliche Mischung entsteht.

Den Einklang in diesen Mix macht „Nicht Polyglott“ mit beschwingter Fidel und Gitarre, welches passenderweise den weltweiten Sprachenwirrwarr besingt. Davon lassen sich die Musiker jedoch nicht einschüchtern und trällern sorglos ihre Botschaft daher: „Nation“ als Phrase braucht man nicht – man ist sich selbst genug. Vor allem wenn man Cola hat. Das zumindest sagt der nächste Song – „Cola“. Hier ist das Intro ein dramatisches Geigensolo, der Rhythmus ist treibend und gipfelt im Refrain „Mit Cola fühle ich mich wohl, etwas anderes zu trinken wäre ziemlich hohl!“ Diese fast schon beißende Ironie zwischen musikalischem Setting und textlichem Tiefflug hat etwas Charmantes, wenngleich es auch dezent irritiert. Aber das wollen Nobody Knows eindeutig.

Dennoch betritt die Band mit dem dritten Song nochmals ernstes Terrain. In „Bürgerlied“ wird mit kratzigem Gesang, leisen Klaviertönen und getragener Geige die Thematik der Fremde und Heimat angesprochen. Musikalisch kippt das Ganze in der zweiten Hälfte und nimmt zum Finale mit Trommeln und Trompeten sowie einem sphärischen Frauengesang nochmals ordentlich Fahrt auf. Wenn die Band will, kann sie also definitiv auch anspruchsvoll. Allerdings ist das auf Dauer nicht ihr Stil.

Und so reihen sich verschiedene Songs mit mal mehr, mal weniger humorvollen Texten aneinander, die allesamt musikalisch Laune machen und live sicherlich ein Publikum ordentlich anheizen können. Die Instrumentenbandbreite ist dabei ausgesprochen vielfältig: Mundharmonika, Banjo und Trompeten gesellen sich zu Gitarre, Fidel und Schlagzeug und kreieren eine Mixtur aus Folk, Ska und Country. Allerdings zündet dieser Festival-Zauber auf Platte nicht ganz. Es wirkt an einigen Stellen mit den immer wieder eingestreuten Sprechgesängen und Zwischenrufen einfach etwas durcheinander. Aber das ist vielleicht auch Geschmackssache.

Positiv stechen dennoch einige Tracks heraus. So zum Beispiel „Sansibar“, welches mit Schlagzeug, einer hellen Akustikgitarre und Geige ein ruhiger, atmosphärischer Song ist. Harmonische Gesänge aus verschiedenen Männer- und Frauenstimmen tragen einen fort, man meint schon eine warme Brise fühlen zu können, die Stimmung ist sommerlich und verträumt. Dieses Stück voll süßer Sehnsucht ist ein Highlight des Albums.

Nobody Knows - Urbane Camouflage

Nobody Knows (Copyright: Birgit Krause)

Ähnlich verhält es sich mit „Postpubertäres Geigenspiel“, einem Lied, das mit einem herrlichen Augenzwinkern eine – vielleicht sogar autobiographische – Story vom Werdegang eines jungen Mannes auf dem Weg zum Violinisten erzählt. Mit fröhlichem Geigenspiel im Ohr lauscht man gerne den amüsanten Wortspielereien, die an dieser Stelle einfach stimmig und aus einem Guss wirken. Insgesamt ein runder Song, der sogar ganz leicht an große Namen wie Schandmaul oder Letzte Instanz erinnert.

Doch am liebsten sind Nobody Knows sie selbst und wollen sich einfach nirgendwo einsortieren lassen. Das machen sie auch in ihrem selbstironischen Rausschmeißer „Häschtäck WhoopWhoop“ klar. Denn hier postulieren sie, dass sie schlicht und ergreifend (noch?) keine Lust auf Sinn und Ernsthaftigkeit haben. Dass sie damit anecken, wissen sie – doch deswegen von ihrem Firlefanz ablassen? Nein danke!

Und so bleibt über „Urbane Camouflage“ zu sagen, dass auf dieser Platte musikalisch gute Stimmung gezaubert wird und die Band beweist, dass sie ihre Instrumente beherrschen. Wer sich den Silberling anhört, muss sich aber darüber im Klaren sein, dass Nobody Knows textlich mit Genuss das einreißen, was sie zuvor gerade erst aufgebaut haben. Konventionen und Seriosität sucht man hier vergebens. Wem das nicht schmeckt, der darf gerne vorüberziehen, davon lassen sie sich nicht beirren. Wer aber Lust auf ein bisschen flapsigen Spaß hat, der ist hier an der richtigen Adresse.

Anspieltipps
Bürgerlied | Sansibar | Postpubertäres Geigenspiel

Video

Tracklist

01 Nicht polyglott
02 Cola
03 Bürgerlied
04 Was ich hier noch soll
05 Watt wa wolln
06 Political Corectness
07 Sansibar
08 Fleisch
09 Türstehertanz
10 Postpubertäres Geigenspiel
11 Kanalisierte Aufmerksamkeit
12 HäschTäck WhoopWhoop

Details

Nobody Knows – Homepage
Nobody Knows – Facebook

Label: Prosodia
VÖ-Termin: 01.07.2016
Spielzeit: 44:27

Copyright Cover: Prosodia



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.