Review

Gleich mit dem ersten Titel „Music“ geben Nightwish die „Marschrichtung“ des neuen Albums „Human. :||: Nature.“ vor, das auch zeitgleich das neunte Studioalbum in der Reihe der gesamten Veröffentlichungen markiert – und das die Band zu Recht die Zügelhalter des Melodic Metal sein lässt.

Und so kommt der lang ersehnte Nachfolger des 2015er Albums „Endless Forms Most Beautiful“ als Doppelalbumformat daher: 9 Tracks auf dem Hauptalbum und ein in 8 weitere Kapitel unterteilter Longtrack.

Das Hauptalbum

In dem 7-minütigen Intro präsentieren die Finnen eine musikalische Evolution und somit Entwicklung der Musik als solches und verstehen es vorzüglich, das Trommeln und Klopfen und somit die ersten entstandenen Rhythmen zu voluminösen Harmonien anwachsen zu lassen. Dabei vergessen sie nicht, auch klassische Melodien anzureißen und bluesige Töne einfließen zu lassen. Das Intro also überzeugt auf ganzer Linie und lässt auf mehr hoffen.

Die Erwartung wird auch nicht enttäuscht, bringt „Noise“ doch eine ähnliche Stimmung mit engelsgleichen orchestralen Tönen, aber auch die typische Power einer Band eines Nightwish-Formates auf. Sogar vereinzelte elektronische Elemente lässt das Sextett verlauten. Erfrischend!

Dies wiederholt sich bei „Shoemaker“ und gibt dem Track eine maskuline Stimme entlang von Floors lyrischer Dominanz. Das macht den Song tiefgehender, wird dieser auch noch von Streichern in Soli begleitet, die den Hunger nach mehr für die Ohren antreibt. Elfenhafter (Sprech-)gesang verstärkt die Tiefe dieses Titels und unweigerlich kommt der Gedanke auf, dass es sicher mehr Kirchgänger geben würde, wenn solche Talente auch in „heiligen Hallen“ performen würden, denn „Shoemaker“ geht unter die Haut, besonders im „Abgang“ – Gänsehaut ist garantiert.

„Harvest“ kommt eingangs etwas poppig daher und hat zwar auch eine Vielschichtigkeit, aber im Vergleich ist dieser Titel eher als Stilbrecher zu sehen. Das Thema ist zwar ebenso freudig, wie eine Ernte bzw. Erntezeremoniell und die Bedeutung dahinter, aber musikalisch erzeugt es im ersten Moment insgesamt eine gewisse „Distanz“. Positiv dabei ist aber die Stimme Tuomas‘ und die Pipe-Arrangements Troys, die einen doch beschwingt werden und manche sicherlich sogar tanzen lassen. Gleiches dürfte für „Pan“ gelten, wobei da großteils doch wieder der „typische“ Nightwish-Sound dominiert.

„How’s The Heart?“ lässt einen die Augen schließen und schlicht genießen. „Ballade trifft ins Herz“ ist vermutlich die Absicht, die auch voll ins Schwarze trifft. Pipe trifft Lieblichkeit und Floors Varietät in ihrer Stimme, die ihresgleichen sucht – traumhaft im wahrsten Sinne. Dabei sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der männliche Part diese Produktion untermalt. „Procession“ geht daher in die gleiche Richtung und lässt diese Ballade einfach nur von der ersten Sekunde an genießen und sich daran erfreuen.

„Tribal“ ist einmal mehr Zeugnis dafür, dass der Hauptkomponist und Lyriker Tuomas Holopainen nach eigener Aussage stets bestrebt ist, mit jedem Album ein Denkmal zu setzen. Dieser Song ist sinngebend dafür, wie vielschichtig und tiefenthematisch der vorliegende Silberling tatsächlich ist. Hier zeigt sich der rote Faden von Musik, Kunst, Mensch, Natur und Technik so deutlich wie auch im Eingangssong.

Track 9, „Endlessness“, zeigt einmal mehr die Facetten einer doch gewaltigen Stimme von Tuomas wieder und leitet das Outro für das Hauptalbum ein. „Gewaltig“ ist dabei nicht übertrieben und man hört den Titel schon geistig in Film-Formaten wie „Herr der Ringe“ wieder. Die Stimmen ergänzen sich im ersten Part einfach wundervoll und Floor zeigt einmal mehr die Vielseitigkeit und Ambition in ihrem stimmlichen Können, welches von den Wohlklängen Markos, Troys und Tuomas‘ wunderschön ergänzt wird und das Ganze zu einem Hochgenuss werden lässt.

Ein Longtrack in acht Kapiteln

Das Intro von „Vista“ beginnt mit Sprechgesang und Storytelling und findet eine Symbiose im Outro „Ad Astra“ – und das haut glatt um. Ruhige Celli begleiten die Aussage, dass die Natur geliebt und geschützt werden sollte und die „human kind“ doch nicht so „human“ ist, wenn es sehr genau und „streng“ interpretiert werden sollte. Sicherlich eine Anspielung auf die weltweite Situation. Allerdings verändert sich die anfängliche Schwere zu mehr Leichtigkeit und lässt somit auch „Hoffnung“ auf allen Ebenen aufkeimen.

Was für ein Konzept! Auch wenn das Album ausdrücklich kein solches sein will!
Der Unterschied ist aber deutlich zu erkennen. Stehen die ersten 9 Titel jeweils für sich, ist es hier mehr als deutlich, dass die Folgetitel im Grunde ein Longplayer in Passagen ist. So verwundert es nicht im Geringsten, dass Tuomas mit „All The Works Of Nature Which Adorn The World“ einen Liebesbrief an diese Welt sendet, der auch als solcher verstanden wird.

Nightwish (Copyright: Tina Korhonen)

Diese Mystik zieht sich durch alle Folgetitel, darunter u.a. „The Blue“ und „The Green“, und man lässt sich forttragen in eine Welt aus Märchen, Elfen, Harfen, Moore, Aurora. Man sieht vor dem geistigen Auge Wasser, Berge, Wälder und die pure Kraft dieses Planeten.

Die orchestrale Begleitung dominiert und verzaubert schlichtweg, handelt es sich hier um niemand Geringeres als das „The London Session Orchestra“, das in einem Atemzug mit Hans Zimmers Orchester aus und in Hollywood genannt werden kann. Gesang spielt in diesem Part nur eine temporäre Rolle und verdeutlicht doch viel mehr die Meisterleistung im Komponieren.

Fazit

Und so versteht sich nun auch der Titel des vorliegenden Albums „Human. :||: Nature.“: Die Höhen und Tiefen und Facetten des Menschen und der Technisierung mit dem Gesang als Dominanz, um die Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins zu präsentieren, aber ebenso die Fragilität und gleichzeitige Power der Natur musikalisch darzulegen. Somit entsteht eine Symbiose, in der der eine Part nicht ohne den anderen existieren kann und genau das gilt es wieder in das Bewusstsein und die Erinnerung zu rufen. „It’s us!“ ist DIE Message! Einfach wunderbar!

Ein Album, das zur rechten Zeit erschienen ist!

Video

Tracklist

CD 01:
01 Music
02 Noise
03 Shoemaker
04 Harvest
05 Pan
06 How’s The Heart?
07 Procession
08 Tribal
09 Endlessness

CD 02:
01 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Vista
02 All The Works Of Nature Which Adorn The World – The Blue
03 All The Works Of Nature Which Adorn The World – The Green
04 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Moors
05 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Aurorae
06 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Quiet As The Snow
07 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Anthropocene (incl. „Hurrian Hymn To Nikkal“)
08 All The Works Of Nature Which Adorn The World – Ad Astra

Details

Nightwish – Homepage | Nightwish – Facebook | Nightwish – Twitter

Label: Nuclear Blast
Vö-Termin: 10.04.2020
Spielzeit: 50:42 + 31:05

Copyright Cover: Nuclear Blast



Über den Autor

Daggy
Daggy
Es war einmal...vor langer Zeit..., ein Mädel aus Bayern, das den Sprung von einer katholischen Klosterschule schaffte und ans andere Ende Deutschlands reiste. Dort absolvierte sie als eine der ersten Frauen ihren Dienst bei der Marine. Von dort aus führte ihr Weg zu ihrem jetzigen Job, der sie seither rund um die Welt führt. So lebte sie bisher in den USA (Atlanta), Berlin (ohnehin ihre Wahlheimat), Indien (Mumbai) und derzeit China (Peking). Dabei ist das Reisen, als auch das Fotografieren ein wesentlicher Teil von ihr. Das Ganze wird untermalt von ihren "exzessiven" Konzert- und Festivalbesuchen, denn Musik öffnet überall auf der Welt Tür und Tor.