Review

Das Warten auf das neue Nightwish-Album hat endlich ein Ende. 3,5 Jahre nach dem letzten Studioalbum erscheint „Endless Forms Most Beautiful“, welches auch gleichzeitig den Einstand der neuen Sängerin Floor Jansen (ex-After Forever, ReVamp) darstellt. Zumindest auf einem Album, denn die Holländerin fungiert ja bereits seit über zwei Jahren als Frontfrau der Finnen und konnte bisher live in allen Belangen überzeugen.

Bei den ersten Songs auf „Endless Forms Most Beautiful“ fällt auf, dass sich Nightwish musikalisch wieder eher am 2004er Album „Once“ orientieren. „Shudder Before The Beautiful“ erinnert daher nicht nur was Tempo und Arrangements angeht an „Dark Chest Of Wonders“.
„Weak Fantasy“ kommt noch eine Ecke härter und rockiger daher, während mit der Single-Auskopplung „Élan“, die etwas reduzierter in der Instrumentierung, dafür aber mit Folk-Elementen erklingt, das Augenmerk verstärkt auf Melodik gelegt wird.
„Yours Is An Empty Hope“ fällt erneut sehr rockig und Floor Jansens Gesang dabei an manchen Stellen fast schon rotzig aus.

Bis hierhin macht das Album richtig Spaß. Danach lässt „Endless Forms Most Beautiful“ aber leider nach. Nicht qualitativ, denn auch die folgenden Songs werden dominiert vom handwerklichen Geschick der Truppe, aber ab sofort ist die Geduld und volle Aufmerksamkeit des Hörers gefordert, während sich zudem einige sperrige Stücke ihren Weg bahnen, die fast schon kleine Kunstwerke darstellen; nichts, was man sich mal eben auf dem Weg zur Arbeit zu Gemüte führen kann.

„Our Decades In The Sun“ ist eine eher unscheinbare Ballade, die den Hörer nicht berühren kann. Der Gesang bleibt distanziert bzw. kann die Emotionen des Songs nicht an die Hörer transportieren; es fehlt eine einprägsame Melodie.

„My Walden“, abermals sehr folklastig und mit weltmusikalischem Anfang, plätschert nach einem gelungenen Intro ebenfalls belanglos dahin und ist mit dem Ende auch genauso schnell wieder vergessen. Auch der Weltmusik-geprägte und, zugegeben, eingängige Refrain, bewahrt „My Walden“ nicht vor einem zu schnellen Vergessen.

Im Titeltrack schließlich ziehen Nightwish das Tempo wieder an und schließen mit diesem Song an den Beginn des Albums an. Auch „Edema Ruh“ und „Alpenglow“ weisen eine angenehme Melodiestärke auf und wappnen den Hörer für das Folgende.

Mit „The Eyes Of Sharbat Gula“ nähert man sich dann nämlich einem überlangen Instrumentalstück. Überraschungen, packende Momente oder spannende Arrangements bleiben allerdings aus. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Track, bei dem trotz aller dabei an den Tag gelegter Professionalität eigentlich gar nichts passiert; langweilig und überflüssig.

Nightwish (Copyright: Ville Akseli Juurikkala)

Nightwish (Copyright: Ville Akseli Juurikkala)

Das Mammutstück des Albums folgt ganz zum Schluss: „The Greatest Show On Earth“. Und bei dem Namen (und der knapp 24-minütigen Spielzeit, aus der andere Bands eine EP basteln, Nightwish jedoch einen einzigen Track erschaffen) erwartet man auch Großes. Was folgt, ist jedoch Enttäuschung und die Frage, wer es überhaupt schafft, diesen Titel in Gänze (und vielleicht sogar mehrmals) anzuhören. Der Anlass dieser Frage ist jener, dass sich über fünf Minuten nichts tut, außer, dass versucht wird, Filmmusik-artige Klänge mit Musical-tauglichen Einlagen zu vermischen, während eine klassische Instrumentierung das (ruhige und nichtssagende) Geschehen begleitet und eine Erzählstimme letztlich einsetzt, um den eigentlichen Track einzuleiten, der den Song auch als Song rechtfertigt. Obwohl sich im Verlauf der 23:58 Minuten einige interessante Momente einschleichen, wird es nur wenigen Hörern gelingen, „The Greatest Show On Earth“ komplett auf Anhieb zu hören. Ganz zu schweigen davon, wie fehlplatziert er als Rausschmeißer und nach dem ebenfalls langatmigen „The Eyes Of Sharbat Gula“ wirkt.

Das achte Studioalbum von Nightwish ist daher insgesamt nicht leicht zu beurteilen. Kann man in der ersten Hälfte von „Endless Forms Most Beautiful“ noch auf ganzer Linie überzeugen, sind anschließend einige Songs schlicht zu lang, langweilig und ausladend ausgefallen. Gegenwärtig, wo Zeit ein rares Gut ist, möchte und kann man nicht unbedingt immer Musik hochkonzentriert hören (und das über eine Spielzeit von knapp 80 Minuten). Läge der Fokus in besagten Tracks mehr auf entsprechende Hooklines, statt ständig Breaks und längere Instrumentalparts einzubauen, wäre „Endless Forms Most Beautiful“ weitaus gefälliger und runder ausgefallen. So aber spaltet sich das Album selbst entzwei und wird auch die Hörergruppe in entsprechende Lager teilen.
Daher gilt: Wer Nightwishs letzte Veröffentlichung als Rockevangelium ansah, der wird mit dem aktuellen Silberling auch auf seine Kosten kommen. Der traditionelle Female Fronted (Symphonic) Metal Hörer wird nach dem starken Beginn mit zunehmender Spieldauer das Interesse und/oder die Geduld verlieren.
Bleiben sieben gute, mitunter sogar Top-Titel und leider vier Songs, die die Wertung nach unten ziehen sowie den Hörfluss stören.

Video

Tracklist

01 Shudder Before The Beautiful
02 Weak Fantasy
03 Élan
04 Yours Is An Empty Hope
05 Our Decades In The Sun
06 My Walden
07 Endless Forms Most Beautiful
08 Edema Ruh
09 Alpenglow
10 The Eyes Of Sharbat Gula
11 The Greatest Show On Earth

Details

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Label: Nuclear Blast
Vö-Termin: 27.03.2015
Spielzeit: 78:54

Copyright Cover: Nuclear Blast



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde