Review

Den Moment, wenn man sich nach einer knappen halben Stunde wünscht, die EP wäre ein ganzes Album, besitzt auch das selbstbetitelte Debüt der Kölner Band Neufundland. Ihres Zeichens Verfechter deutschen Indie Pops und Rocks. Allerdings muss man dazu sagen, dass Neufundland nicht unbedingt die vorgeschriebene Linie der genannten Genres immer so genau verfolgt.

So gleich wird mit „Raus Raus“ jedoch bewiesen, dass es sich hierbei um eine Band handelt, die es versteht, ihre Zuhörer mit ihrem Sound direkt mitzunehmen. Trotz hartem Drumming werden simple Akkorde und Riffs angeschlagen, welche allerdings in den Übergängen einen zunehmend dynamischeren Charakter annehmen. Es herrscht eine perfekte Balance aus dezentem Pop und rockigen Elementen samt ansprechender Hook. In den Titeln schwingt außerdem immer ein gewisser melancholischer Unterton mit, wie man ihn beispielsweise von Herrenmagazin kennt.

Aber soll mal einer denken, Neufundland beherrschen nur die Basics. Im Song „Turbulenzen“ darf man schließlich die Fertigkeiten am Klavier genießen. Zwar ist der Teil der Geräusch-Samples davor etwas lang, aber die Kombination von Streichinstrumenten und Piano dafür umso besser. Weiterhin kommen ab und zu auch die Blechblasinstrumente mit ins Spiel.

Neben den markanten, leicht punkigen Vocals stechen besonders die Lyrics hervor. An jeder Ecke findet man stets prägnante Textpassagen. Dabei verlässt sich die Band nicht nur auf Metaphern und Wortspiele, sondern teilt auch gerne mal sarkastische Seitenhiebe aus; unter anderem bezogen auf Gesellschaft und Kapitalismus.

Diese stehen besonders in „Rückenwind Pt. II“ im Vordergrund. Die in einer Art Spoken Word vorgetragenen Texte laufen über zurückgespulte Tonspuren. Aber mal abgesehen von der nüchternen Weise, in der die Zeilen vorgetragen werden, muss man gestehen, dass diese äußerst witzig und unterhaltsam sind. Natürlich – wie schon eben beschrieben – auch sarkastisch, aber ab und zu ist ein guter Reißer mit dabei. All die Sätze, die sich oft auf reale Tatsachen oder Dinge beziehen, sollen an dieser Stelle nicht verraten werden, damit sie den Effekt beim ersten Mal Hören nicht verlieren. Nur kurz, wo ich persönlich endgültig vom Glauben abgekommen bin:

„Bei der Kaufkraft von Greyskull“ – einfach zu stumpf.

Neufundladn (Copyright: Martin Lamberty)

Neufundland (Copyright: Martin Lamberty)

Als vierter Track findet sich ein instrumentaler Song als Interlude ein, welcher mit seinem übersteuerten Beat und dem dezenten Klavier zwar an sich recht gut arrangiert ist. Dennoch hat man das Gefühl, die EP würde an ihrem flüssigen Lauf verlieren. Für ein Album schön und gut, aber wenn uns sowieso nur eine begrenzte Songauswahl geboten wird, will man direkt zum nächsten Track springen. Im Gegenzug dazu wird man wieder mal mit Ohrwürmern wie „Unterstellen“ und „Und reicht dir das“ konfrontiert, die durch ihre simple Eingängigkeit den Hörer direkt abholen. Bei zweitem gibt es sogar noch einen leicht experimentellen Teil am Ende.

Und am Schluss: Begeisterung pur! So muss deutscher Indie klingen: Nicht zu kompliziert oder stark nach Konzept, sondern ansprechend und gerne auch mal verspielt. Eigentlich hat „Neufundland“ noch einen weiteren Punkt verdient, aber wir wollen ja nicht, dass die Jungs dem Größenwahnsinn verfallen, sondern sich bald in voller Länge austoben. Somit eine klasse EP für den Start, die die Messlatte auf eine recht ansehnliche Höhe getragen hat. Vier Punkte von uns, aber zehn von Herzen.

Anspieltipps:
Rückenwind Pt. II / Raus Raus / Unterstellen

Video

Trackliste

01 Raus Raus
02 Turbulenzen
03 Unterstellen
04 Syn-
05 Rückenwind Pt. II
06 Und reicht dir das

Details

Neufundland – Homepage
Neufundland – Facebook

Label: FleetUnion
Vö-Termin: 04.09.2015
Spielzeit: 27:51

Copyright Cover: FleetUnion



Über den Autor

Christopher