Review

Dunkelromantisch und mittelalterrockig schalmeit das neue Album „Staub und Schatten“ von Nachtgeschrei dem Hörer entgegen und nistet sich umgehend Song für Song im Ohr desselbigen ein. Ein Hit folgt auf den nächsten und durch die damit einhergehende Dynamik und Energie steht schon nach dem ersten Durchlauf fest: Hier haben Nachtgeschrei nicht nur ein Highlight ihrer Diskografie erschaffen, sondern zudem für reichlich potenzielles Livematerial gesorgt, denn was bereits auf dem Album konsequent zündet, wird so manche Bühne erschüttern können und das Zuschauerareal zum Beben bringen.

Hier der obligatorische Dudelsack, dort die epischen orchestralen Zugaben, an anderer Stelle auch mal im akustischen Gewand oder überwiegend rockig – derartige Abwechslung bietet „Staub und Schatten“, das dennoch wie aus einem Guss klingt.

Auch wenn beispielsweise in „Die wilde Jagd“ kleine Verschnaufpausen eingebaut wurden, in denen es kurzfristig etwas ruhiger zugeht, so geben Nachtgeschrei gerade zu Beginn und somit in den ersten vier Liedern ordentlich Gas, bis es in „Lunas Lied“ schließlich erstmals balladesker wird.

Es ist dabei nicht nur die Spielfreude der siebenköpfigen Band, die den Hörer prompt mitreißt, sondern insbesondere die melodiehaften, eingängigen Songs an sich, dessen Texte ebenso fix mitgesungen werden können, die für stetes Mitwippen sorgen und die Begeisterung lange aufrechterhalten.

Drums und Gitarren geben dabei eine harmonische Einheit ab, und ungewöhnlicherweise ist es auch das Schlagzeug, das – zumindest mir – immer wieder äußerst positiv auffällt. Dies liegt sicherlich auch an der recht ausgewogenen Produktion, aber auch am Fellverdrescher Stefan, der durch sein Spiel enorm viel Groove in die Tracks bringt.
Die phasen- und vorzugsweise im Refrain anzutreffenden Backingvocals sorgen für zusätzliche Dichte und verleihen den Tracks nicht selten einen hymnenhaften Charakter. Dieser wird auch durch die orchestralen Züge in einigen Titeln untermauert.

Von ihnen gibt es zudem reichlich im knapp eineinhalb-minütigen, rein instrumentalen Interlude „Kerberos“, das einen epischen, soundtracktauglichen und nahtlosen Übergang zum Folgesong „Eden“ schafft. „Kerberos“ hätte jedoch gerne auch ein vollständiger Track werden können; das diesbezüglich zum Vorschein kommende Potenzial sollten Nachtgeschrei auch zukünftig verstärkt im Auge behalten und nutzen.

Nachtgeschrei (Copyright: Markus Scholz, 2015)

Nachtgeschrei (Copyright: Markus Scholz, 2015)

Zwar hätte die hier eingesetzte Glocke in „Kerberos“ vor allem zu Beginn etwas dezenter platziert werden können, denn sehr dominant läutet man im wahrsten Sinne des Wortes den nächsten Track „Eden“ ein, der sowohl das Glockenläuten als auch die Melodie aufnimmt und fortsetzt. Witzig in diesem Zusammenhang sind daher fast schon die Lyrics „Hörst du das Läuten der Glocken in der Ferne“, denn wie gerne möchte man Sänger Martin über das unschwer zu vernehmende Geläut als Antwort zubrüllen: „Na, aber sicher, es ist ja nicht zu überhören.“ Dies ist jedoch eher als kleine persönliche Anekdote meinerseits und keineswegs als Kritik zu werten, denn auch diese Stelle macht Spaß und besitzt sogar – wenigstens für mich – einen gewissen zusätzlichen Unterhaltungswert.

Wer sucht, der findet natürlich auch auf „Staub und Schatten“ den einen oder anderen kleinen Kritikpunkt. So könnte man den Songs auf Albumlänge einen gewissen Gleichklang vorwerfen. Genauso gut kann man sich jedoch auch einfach nur von dem zwölf Songs umfassenden Output mitreißen lassen und Freude daran haben. Denn unumstritten steht fest: Nachtgeschrei liefern hier auf ganzer Linie ab! Keine Lückenfüller, keine Zeitverschwendung, vielmehr gibt es treibende, eingängige Titel auf die Mittelalterrock verwöhnten Ohren, die sowohl der Szene sehr guttun als auch vom Mittelalterrock nicht tangierte Hörer ansprechen werden. Dauerrotationen sind hier vorprogrammiert.

Tracklist

01 Monster
02 Das Nichts
03 Die wilde Jagd
04 Staub und Schatten
05 Lunas Lied
06 Kerberos
07 Eden
08 Der letzte Tag
09 Verloren
10 Bruder
11 Leben für den Klang
12 Schlaflos

Details

Nachtgeschrei – Homepage
Nachtgeschrei – Facebook

Label: Oblivion / SPV
Vö-Termin: 07.08.2015
Spielzeit: 48:04

Copyright Cover: Oblivion / SPV



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde