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Folkmusik – darunter verstehen viele eine Komposition, die an Melodien und Texten traditioneller Musik angelehnt ist. Reduziert im Auftreten, ehrlich und handgemacht, Gitarre, Fidel, Flöte und fertig ist das gemütliche Genre zum Schwelgen. Die britische Band Mumford and Sons ist wohl für viele der Inbegriff des modernen, erfolgreichen Folks. Mit ihrer neuen EP „Johannesburg“ katapultieren die vier Jungs den Begriff aber in völlig neue Dimensionen. Denn während ihrer Südafrikatour nahmen sie sich zwei Tage Zeit, um mit dem senegalesischen Erfolgskünstler Baaba Maal sowie The Very Best und Beatenberg fünf einzigartige Tracks aufzunehmen, die zeigen, dass wir Europäer viel zu selten über den Tellerrand blicken.

Der erste Song „There Will Be Time“ – gleichzeitig auch die erste Singleauskopplung der EP – beginnt mit leisen Klaviertönen, die einen zunächst bekannten Sound vermitteln. Doch dann erklingt immer wieder der Gesang von Baaba Maal. Sehnsuchtsvoll und emotional entwickelt sich ein Duett aus ihm und Marcus Mumford, aber auch aus beiden Instrumentenwelten. Denn in das bekannte und geliebte Setting dringen stetig afrikanische Trommeln und Saiteninstrumente ein, die aber keinen Störfaktor, sondern gänsehautproduzierende Vervollkommnung des Sounds darstellen. Dieser wird im Übrigen immer epischer und hymnischer, bis er sich in einem furiosen Finale entlädt. Was ist Mumford? Was ist Baaba Maal? Eine große Einheit entsteht und wird eigentlich viel zu schnell ausgeblendet.

Doch die Band und seine Gastmusiker haben noch mehr zu erzählen: In „Wona“ entführen sie den Hörer mit Gitarre und Trommel als Hauptakteuren und fast orientalisch anmutenden Melodien in eine beschwingte, fröhliche Welt. Im Kontrast dazu steht der basslastige Refrain, wodurch der Song einen beeindruckenden, bipolaren Charakter erhält – stetig schwankend zwischen Leichtigkeit und Lebensfreude und Melancholie.

„Fool You’ve Landed“ eröffnet mit verschiedenen Trommeln, zu denen sich dann ein Schlagzeug und schließlich herrlich lässiger, afrikanischer Gesang gesellen. Schließt man die Augen beim Hören des Tracks, spürt man fast die Sonne auf der Haut und kommt direkt in diese Laissez-faire-Stimmung. Der Hauptteil des Songs wurde dann wieder in Englisch eingesungen, doch die kulturelle Herkunft wird musikalisch und gesanglich immer wieder ins Bewusstsein zurückgeholt und in den Song eingewoben.

Baaba Maal eröffnet den vierten Song: „Ngamila“ ist ein träumerischer, fast schon mystischer Song, in dem sich Afrika und Europa perfekt vereinen. Marcus Mumford auf afrikanischen Trommeln, Baaba auf hellen Rock-Gitarren und alles sagt eigentlich nur: „Lass dich fallen!“ Und spätestens wenn die Gitarren härter werden, der treibende Gesang uns mit sich zieht und alles wie entfesselt nur noch eine Richtung kennt – voran, dann ist es so weit. Wir vergessen in diesem musikalischen Konstrukt Genre und Grenzen und genießen einfach nur bis zur letzten Sekunde, wenn dieser Sturm sich in leise abflauenden, afrikanischen Gesang kanalisiert und schließlich verstummt.

Mumford and Sons - Johannesburg

Mumford and Sons (Copyright: Universal Music)

Mit „Si Tu Veux“ ist das letzte Stück auf der EP erreicht. Eine sphärische Gitarre erklingt, leise, wie ein Echo. Sie wird zerrissen von Baaba Maals eindringlichem Gesang auf seiner Muttersprache Pulaar. Traditionelle Trommeln untermalen das Stück, erden Gitarre und mystische Streicher. Die Musiker singen gemeinsam im Chor. Es ist ein sanfter Song, ein wiegendes Lied, das voller Sehnsucht und Nachdenklichkeit steckt. Und dann ebbt „Johannesburg“ mit ruhigen, leisen Trommeln aus, die fast wie ein Herzschlag klingen.

Fünf Songs – das ist es für das Auge. Doch diese EP ist so viel mehr. Denn hier wurde eine Verbindung eingegangen und gezeigt, was Musik eben doch vermag: Grenzen aufbrechen. Denn traditionelle Musik vom afrikanischen Kontinent – da würden wohl viele Hörer in unserer Sphäre streiken. Zu Unrecht, wie sich zeigt, denn die Gastmusiker Baaba Maal, The Very Best und Beatenberg zeigen in der Zusammenarbeit mit Mumford and Sons, dass sie gar nicht so anders klingen, als unsere Musik und dass Folk immer wieder neu erfunden werden kann. Außerdem beweisen sie, dass man zusammen stärker ist. Und so ist die EP nicht nur ein wahrer Genuss fürs Ohr, sondern in Zeiten von prekären politischen Debatten auch ein wenig Balsam für die Seele und den Verstand.

Anspieltipps
There Will Be Time | Wona | Ngamila

Video

Tracklist

01 There Will Be Time (with Baaba Maal)
02 Wona (with Baaba Maal, The Very Best & Beatenberg)
03 Fool You’ve Landed (with The Very Best & Beatenberg)
04 Ngamila (with Baaba Maal & The Very Best)
05 Si Tu Veux (with Baaba Maal & The Very Best)

Details

Mumford and Sons – Homepage
Mumford and Sons – Facebook
Mumford and Sons – Twitter

Label: Island (Universal Music)
VÖ-Termin: 17.06.2016
Spielzeit: 19:56

Copyright Cover: Universal Music



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.