Review

Nach außen hin unscheinbar und sympathisch, aber immer mit der versteckten Faust in der Tasche – Mitski Miyawaki spiegelt genau das auch in ihrer Musik wider. „Puberty 2“ ist bereits ihr viertes Album, auf dem sie ihre Zuhörer mit ihrer emotionalen Stimme betört, um sie in ihren Kosmos aus Punk- und Indie-Rock zu ziehen und sie dort exzentrisch zu bearbeiten. Zwar kommt man nicht als neuer Mensch, aber mit geprägtem Unterbewusstsein wieder heraus.

Kompromisslos geht „Puberty 2“ auch schon los. Mit dem ersten Titel „Happy“ verbindet Mitski sanften Gesang unter zitterndem Vocal-Effekt mit einem dazu in Kontrast stehendem eintönig hackendem Drum-Loop. Dennoch entwickelt sich dieser Song mithilfe von Bass, Saxophon und schließlich ansprechendem Arrangement in eine seichte Pop-Rock-Komposition.

Immer wieder gibt es diese Momente im Laufe der Platte, in denen Mitski absichtlich gegen die Erwartungen der Hörer schwimmt; nicht unbedingt mit einer bestimmten Geräuschkulisse, sondern oft durch kraftvolle Gitarren und hartem Drumming. Dadurch wird diese Mischung mit dem gleichzeitig einwirkenden Pop noch viel gehaltvoller.
Auch das Songwriting läuft nicht immer nach Vorgabe. So besteht „Fireworks“ ausschließlich aus einem stetig höher steigenden Aufbau, in dem Mitskis Stimme bis zum Schluss permanent stärker wird, bis am Ende so viel vom Titel übrig bleibt, wie bei einer Feuerwerksrakete nach der Explosion.

Mit „Your Best American Girl“ wurde durch die Attitüde einer Rock-Ballade, die im Refrain den Gesang mit harter Verzerrung zum Höhepunkt des Ganzen bringt, eines der Highlights auf „Puberty 2“ geschaffen. Hier zeigen sich auch deutlich Mitskis lyrische Angewohnheiten. Eine Mischung aus Akzeptanz und Misstrauen, oft versteckt unter einem sarkastischen Mantel.

Schon Mitskis Stimme allein lenkt die elf Songs in eine gewisse emotionale Richtung. Dabei darf man auf verschiedene Klangfarben treffen, angefangen von einem sehr femininen Organ bis hin zu Parts, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzen. Bei diesem Album stellt sich oft eine Art Lana Del Rey-Charakter ein. So wagt Mitski immer wieder neue Wege, sich selbst zu verwirklichen und alles mal, wie auf „My Body’s Made Of Crushed Little Stars“, einfach rauszulassen.

Das einzige Manko an „Puberty 2“ ist der teilweise sehr starke Einfluss des Pops. So gibt es Songs, in denen dieses Element gut mitwirkt, und andere, in denen sich das Ganze in monotonen Passagen verliert – besonders gegen Ende in „Crack Baby“ und „A Burning Hill“, die ausnahmslos klasse Songs darstellen, aus denen man aber trotzdem viel mehr hätte herausholen können.

Mitski (Copyright: Ebru Yildiz)

Mitski (Copyright: Ebru Yildiz)

Abgesehen davon agiert Mitski hier äußerst vorausschauend. Sie nimmt ihre Hörer durch ihre zugänglichen Kompositionen an die Hand, um ihnen die Welt hinter der Plastikfassade zu zeigen. Dabei helfen simple musikalische Klänge und auch der erdige Rock, welcher „Puberty 2“ an vielen Stellen gut zusammenhält.

Dieses Album ist deshalb so beeindruckend, weil es neben der musikalischen Intention noch eine Message in sich birgt, um die sich der Hörer nicht allzu viele Gedanken machen muss, da Mitski alles so verpackt, dass er ihr nur noch blind folgt. „Puberty 2“ ist somit das Ergebnis von exzentrischer und melancholischer Fröhlichkeit.

Video

Trackliste

01 Happy
02 Dan The Dancer
03 Once More To See You
04 Fireworks
05 Your Best American Girl
06 I Bet On Loosing Dogs
07 My Body’s Made Of Crushed Little Stars
08 Thursday Girl
09 A Loving Feeling
10 Crack Baby
11 A Burning Hill

Details

Mitski – Homepage
Mitski – Facebook
Mitski – Twitter

Label: Dead Oceans / Cargo Records
Vö-Termin: 17.06.2016
Spielzeit: 31:41

Copyright Cover: Dead Oceans



Über den Autor

Christopher