Review

Endlich mal wieder ein Split-Album. Ich empfinde Split-Veröffentlichungen meist als äußerst erfrischend. Schaffen sie es doch, ein Werk von mehreren Seiten zu beleuchten, ein Zusammenspiel von Künstlern zu entdecken und, sofern es den Künstlern gelingt, auch sich gegenseitig zu ergänzen.

Die Kollaboration, die mir heute vorliegt, ist dabei wohl etwas Besonderes. Der deutsche Ambient-Künstler Mario Grönnert hat sich für seinen neusten Output „In Two Seas“ die japanischen Musiker Kaetsu Takahashi und Yorihisa Taura von Mondfish ins Boot geholt. Grönnert steuert die ersten beiden längeren Tracks bei, Mondfish folglich drei weitere. Zusammen kommt das Album auf eine überschaubare Spielzeit von ca. 35 Minuten. Nicht viel, aber für das Experiment durchaus ausreichend.

Mario Grönnert (Copyright: Mario Grönnert)

Mario Grönnert (Copyright: Mario Grönnert)

Grönnerts bisherige Arbeit kann man wohl am ehesten als recht düsteren Ambient mit Drone-Einflüssen beschreiben, wofür er meist mit Keyboards, Naturaufnahmen und Samples arbeitet. „In Two Seas“ stellt nach „From Land to Light“ und „Waters drown in Stone“ sein mittlerweile drittes Full-Lengths Album dar. Mit „Of Departures“ startet die Reise für „In Two Seas“ und mit einem zaghaften, sphärischen Klangwald wird auch umgehend klar, dass sich das Album in den nächsten 30 Minuten sehr viel Zeit nehmen wird. Schwer tropfen die nächsten Töne aus den Kopfhörern, punktgenau gesetzt und immer weiter progressiv aufbauend. Stück für Stück setzt sich der Track zusammen und bildet nach mehreren Minuten ein volles Klangbild, das einem kaum Möglichkeit gibt, sich nebenbei noch auf etwas anderes zu konzentrieren. Ein zehnminütiger Brocken der einen ganz weit mit wegnimmt.

Mit „…and strange Horizons“ zeigt Grönnert dann endlich seine großartigen Soundtrack-Qualitäten. Das ist Musik, wofür wir anspruchsvolles Indie-Kino lieben. Chor-artige Samples leiten ein weitflächiges Klanggewitter ein, das von einer traumhaften Klaviermelodie ergänzt wird. Ein Song, der mich sehr gern an David Julyan zu „Following“-Zeiten erinnert. Großes Tennis und gewiss das Sahnestück des Albums. Mit sechs Minuten Spielzeit nur fast zu kurz!

Mit dem dritten Track beginnt dann auch bereits „Euphoria“ von Mondfish. Mit seinen unterwasserartigen Klängen, dem konzeptionellen Aufbau und den Repeat-Effekt-Melodien dezent an Sigur Rós erinnernd, plätschert der Track knapp fünf Minuten vor sich hin und führt die Stimmung sehr gelungen fort. Mit „Slowdiver“ vermischen sich dann eine langsame und schwere Piano Klaviatur und breite Drone-Sounds zu einem kontinuierlichen Soundgewölbe. Man wird direkt in die Weiten des Raums gezogen.

Kaetsu Takhashi (Copyright: Mondfish)

Kaetsu Takhashi (Copyright: Mondfish)

„Hidden Pieces“ rundet das Gesamtbild nun ab. Mit zarten Tönen beginnend, schalten sich bald dezente Echo-Gitarren dazu, eine leicht zerrende Westerngitarre hier, ein paar Samples dort und eine voluminöse Cleangitarre, die über die Klanglandschaft hereinbricht. Ein interessantes Stück zum Abschluss, das sich auch noch mal hervorhebt.

Insgesamt bleiben nach dem Hördurchgang 35 Minuten tiefste Weite voller Leere … nur eben auch voller Töne. Ein Album für Genre-Fans, soviel ist sicher. Klassisch arrangierte Songs voller greifbarer Strukturen kann man hier nicht erwarten. Das war auch nicht gewollt. Diese Klänge sind so experimentierfreudig wie das Musikergespann, das sie hervorgebracht hat. Die Kollaboration ist also mehr als geglückt. Extrem harmonisch fügen sich die Songs ineinander und bilden ein tolles Gesamtwerk. Sinnbildlich drückt das auch das tolle Artwok von Christian Herzer aus, der mit seiner spiegelverkehrten Optik den Dualismus der beiden territorial bedingt kollidierenden Welten symbolisiert. Sehr schön.

Ein echter Happen für Ambient-Fans, Hörer experimentierfreudiger Musik oder auch Soundtrack-Liebhaber. Wenn man bedenkt, dass man dieses wunderbare Stück Musik bereits für lächerliche 5,00 € auf Bandcamp erwerben kann, erübrigt es sich eigentlich, weitere Empfehlungen auszusprechen.

Video

Trackliste

01 Mario Grönnert – Of Departures
02 Mario Grönnert – …and strange Horizons
03 Mondfish – Euphoria
04 Mondfish – Slowdiver
05 Mondfish – Hidden Pieces

Details

Mario Grönnert – Bandcamp
Mario Grönnert – Facebook
Mondfish – Twitter

Label: self released
Vö-Termin: 29.05.2015
Spielzeit: 36:28

Copyright Cover: Mario Grönnert & Mondfish



Über den Autor

Emu
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“Only nothing is impossible.” - Grant Morrison