Review

Die Manic Street Preachers sind für ihre stilistische Vielfalt und Entwicklung bekannt, und so wundert es nicht, dass ihre Diskografie geprägt ist von unterschiedlichen Genre-Elementen. Ob Pop, Krautrock, Punk, New Pop, Britpop, Electro oder (Glam) Rock, das Trio aus Wales setzte sich selbst zu keinem Zeitpunkt Grenzen. So spaltete man jedoch auch die Fangemeinde; ihrem Erfolg – insbesondere in der Heimat – tat dies bislang aber keinen Abbruch.

Und so ist auch das aktuelle Album „Futurology“ ein Silberling geworden, der den soeben genannten Merkmalen der Band in gewisser Weise gerecht wird, denn er weiß zu überraschen.

„Futurology“ erscheint lediglich neun Monate nach ihrer letzten Veröffentlichung „Rewind the Film“. In einem Zeitraum also, in dem Frauen darauf warten, ihr Kind gebären zu können, bringen auch die Engländer ihr ganz eigenes Baby hervor. Und dieses steht in enger Verbindung mit „Rewind the Film“.

Obschon die auf „Futurology“ enthaltenen 13 Tracks einen anderen musikalischen Weg (nämlich mehr in Richtung tanzbarer Pop-Elektronik) einschlagen als jene vom Vorgängeralbum, die eher ruhiger Natur sind, entstanden sie doch zur gleichen Zeit, denn die Aufnahmen zu „Rewind the Film“ brachten derart viel Material hervor, dass „Futurology“ bereits im September 2013 quasi in den Startlöchern stand.

Die jeweils kurzen Songs, verpackt in eine dichte, klare Produktion, prasseln mal eingängig, mal sperrig auf die Hörer ein; gleichzeitig stellt man nach mehrmaligen Hördurchläufen fest, dass diese durchaus Sinn machen, denn je öfter man „Futurology“ hört, desto zugänglicher und überzeugender wirken die Tracks.

Den Einstieg in „Futurology“ gestalten die Manic Street Preachers allerdings sehr leicht und angenehm, denn mit dem Titeltrack präsentiert man einen melodiestarken Song mit hypnotischer Wirkung. Bereits jetzt sind kleine Electrospielereien hörbar, die auch im weiteren Verlauf (mal dezenter, mal auffälliger) in die Titel integriert werden.
Schöne Melodie- und Rhythmuswechsel prägen „Futurology“, dessen Refrain prompt im Ohr bleibt. Besser hätte man die Hörer nicht zum weiteren Konsum einladen können.

Auch das folgende „Walk Me To The Bridge“, in das fast nahtlos übergegangen wird, weiß zu gefallen. Diesem verleiht man zwar ebenfalls eine seichte Pop-Note, doch werden die Gitarren nun rockiger bespielt. Genau diese Mischung macht den Track aus, der auch dank des eingängigen Refrains zum Dauerbrenner und zur Livehymne mutieren kann.

Spacig und zugleich psychedelisch wirkt das außerdem orientalisch anmutende „Let’s Go To War“, das vor allem durch die Backingvolcals im Chorus auffällt. Diese reißen den Hörer mit und animieren zum lautstarken Mitsingen. Die Melodien zeichnen sich durch ihre beständigen Wiederholungen aus. Songwriterische Abwechslung ist in diesem Song also nicht unbedingt anzutreffen, das macht aber gar nichts, denn auch (oder gerade) in seiner Einfachheit brilliert „Let’s Go To War“.

„The Next Jet To Leave Moscow“ schlägt wieder sanftere Töne (insbesondere durch den Gesang erkennbar) an. Vermutet man bei einer derart gefühlvollen und ruhigen Stimme eine Ballade, so belehren uns die Manic Street Preachers eines Besseren und drücken aufs Tempo. Damit steht am Ende ein Titel, der durch seine zügige Geschwindigkeit zwar sehr schnell beendet ist, in all der Kürze aber wunderbar seine Wirkung zeigt, die von leichter musikalischer Berieselung bis hin zur auf den Hörer übertragenen fröhlichen Spielfreude reicht.

Manic Street Preachers (Copyright: Manic Street Preachers)

Manic Street Preachers (Copyright: Manic Street Preachers)

Ich möchte nicht behaupten, dass mit dem anschließenden „Europa geht durch mich“ ein Highlight folgt, denn genau genommen könnten alle bisher gehörten Titel auf „Futurology“ als solche bezeichnet werden. Trotzdem sticht das Lied in vielerlei Hinsicht aus dem Album hervor.
Zum einen konnte die Schauspielerin Nina Hoss als Gastsängerin gewonnen werden, zum anderen harmonieren die weiblichen deutschen Gesangspassagen wunderbar mit den männlichen englischen.
Dabei ist der Titel an sich sehr einfach gestrickt. Monotone Rhythmen und Melodien werden strikt wiederholt, während im Refrain von diesem Schema abgesehen wird. Eindeutig eine Europahymne der anderen Art, die sicherlich auch live für Aufsehen sorgt, sofern die Gastsängerin höchstselbst zugegen ist.

Auch in „Divine Youth“ trifft man auf ein Duett. Dieses fällt allerdings sehr zart und balladesk aus, sodass mit dem Titel eine Verschnaufpause gewährt wird, bei der man seinen eigenen Gedanken nachhängen und sich von den traumhaften Melodien aus dem Alltag davontragen lassen kann.

Weitaus elektronischer und durch die Gitarren rockiger folgt „Sex, Power Love and Money“, dessen Gesang eher gesprochen als gesungen daherkommt.
Eine weitere Überraschung, die „Futurology“ parathält, und an die sich auch „Dreaming A City (Hughesovka)“ anschließt, denn mit diesem Track hat es sogar eine reine instrumentale Nummer auf den Rundling geschafft.

Auch im weiteren Verlauf nimmt das Album in seiner Spannung nicht ab.
Die Manic Street Preachers werden damit sicherlich nicht allen Ansprüchen ihrer Fans gerecht werden, trotzdem ist „Futurology“ in sich derart stimmig und nach mehrmaligem Hören so überzeugend, dass nur die Bestnote vergeben werden kann.

Tracklist

01 Futurology
02 Walk Me To The Bridge
03 Let’s Go To War
04 The Next Jet To Leave Moscow 05. Europa Geht Durch Mich
06 Divine Youth
07 Sex, Power Love and Money
08 Dreaming A City (Hughesovka) 09. Black Square
10 Between The Clock And The Bed 11. Misguided Missile
12 The View From Stow Hill
13 Mayakovsky

Details

Manic Street Preachers – Homepage
Manic Street Preachers – Facebook
Manic Street Preachers – Twitter

Label: Sony Music
Vö-Termin: 04.07.2014
Spielzeit: 48:58

Copyright Cover: Sony Music



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde