Review

Sie sind stilistische Grenzgänger und gehen ihre Musik voller Experimentierfreude an – das macht die Alben von Madder Mortem aus Norwegen nicht für jeden gleich zugänglich. Diesbezüglich stellt auch die aktuelle Veröffentlichung „Red in Tooth and Claw“ keine Ausnahme dar, mit der die Band um Sängerin Agnete M. Kirkevaag zehn neue Songs präsentiert.

Im sogenannten Alternative Metal angesiedelt, der jede stilistische Spielerei offen und zulässt, sind es vor allem Züge des Doom und Progressive Metal, die Madder Mortem auf ihrem Silberling ein weiteres Mal in ihren Sound einfließen lassen. Doch obwohl dies nach einer möglichen Genre-Einordnung klingt, ist die Band weit davon entfernt, sich in eine spezielle Schublade stecken zu lassen; zu freigeistig komponieren sie und entsprechend mutig kombinieren sie stilistische Grenzüberschreitungen. Oft in molllastigen Gefilden angesiedelt und teils den Schritt Richtung Disharmonien wagend, schwanken die Eindrücke des Hörers sogar von Guano Apes-Vergleichen hin zu Jazz-, Noise- und tangoartigen Assoziationen. Letztere sind alle auf einmal vor allem im Song „Returning to the end of the world“ zu hören.

Auch im Opener „Blood on the sand“ passiert bereits so viel, dass man meinen könnte, zwei CDs parallel laufen zu haben.
Langweilig wird es dadurch zu keinem Zeitpunkt. Zudem machen die einzelnen Songs gelungene Entwicklungen durch. Ab und zu übertreiben es Madder Mortem jedoch derart, dass ein Song kaum noch als solcher wahrgenommen wird, wie in „All the giants are dead“ zu bemerken ist. An Dramaturgie mangelt es dem Stück aber nicht, vielmehr wird jene hier vollends inszeniert, indem sich bewährte Songstrukturen gänzlich auflösen und der Titel in seiner Liedfunktion zum Erliegen gebracht wird; stattdessen wird eine atmosphärische kleine Geschichte dargeboten. Dies sind die Momente, in denen Madder Mortem dem Hörer wenig Anhaltspunkte geben, an denen er sich festhalten und dem betreffenden Titel problemlos folgen könnte.

Unbequem ist daher das Wort, das viele Songs auf „Red in Tooth and Claw“ (wenn auch im positiven Sinne) sehr treffend beschreibt. Und unbequem, dafür aber sehr facettenreich gibt sich auch der Gesang von Madder Mortem.
Der Wechsel vom melodischen Klargesang hin zu energischen Screams, und zurück zu gefühlvoll gehauchten Lyrics oder gewollt schiefen, mal kratzend-rockigen oder weich-melancholischen Tönen spiegelt die gesangliche Abwechslung wider, die sich bis in die Backing Vocals zieht. Unumstritten ist Agnete M. Kirkevaag eine große Bereicherung für die Band.

Madder Mortem (Copyright: Madder Mortem)

Madder Mortem (Copyright: Madder Mortem)

„Red in Tooth and Claw“ ist vor allem in seinen experimentellen Parts, in denen Madder Mortem mit diversen Genre-Elementen nur so um sich werfen und diese bunt zusammenwürfeln, sehr schwer fassbar. Gerade die zunächst gewöhnungsbedürftige disharmonische Schlagseite einiger Tracks ist es dann aber, die diese Herangehensweise passend im musikalischen Gesamtbild erscheinen lässt. Nichtsdestotrotz sorgen genau jene Songs für einen eher eingeschränkten Hörerkreis, der Zeit mitbringen sollte, denn zum schnellen, leichten Konsum ist die CD kaum gedacht, auch wenn melodische Titel den Hörer immer wieder in das Album zurückfinden lassen.

Video

Tracklist

01 Blood on the sand
02 If I could
03 Fallow season
04 Pitfalls
05 All the giants are dead
06 Returning to the end of the world
07 Parasites
08 Stones for eyes
09 The whole where your heart belongs
10 Underdogs

Details

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Madder Mortem – Twitter

Label: Dark Essence Records / Soulfood
Vö-Termin: 28.10.2016
Spielzeit: 51:12

Copyright Cover: Dark Essence Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde