Review

Wo Lord Of The Lost draufsteht, ist auch Lord Of The Lost drin, und doch ist die Band mit ihrem hohen Wiedererkennungswert auf keiner ihrer Veröffentlichungen berechenbar. Das beweisen die fünf Hamburger auch mit der neuen EP „Full Metal Whore“, dem wohl härtesten Output innerhalb ihrer bisherigen Diskografie.

Bereits der erste Song und gleichzeitige Titeltrack „Full Metal Whore“ lässt vermuten, dass sich die Band um Fronter Chris Harms nach ihrem orchestralen Akustikalbum „Swan Songs“ musikalisch erst mal wieder richtig abreagieren musste. Und so könnte der Kontrast von „Swan Songs“ zu „Full Metal Whore“ nicht immenser ausfallen. Hier geht es hart zur Sache, unterstützt durch explizite Lyrics und einer Stilmischung, die neben dem treuen Fanstamm zudem sowohl Hörer von Sonic Syndicate und Marilyn Manson als auch Konsumenten von Samsas Traum und Dope Stars Inc. ins Boot der Hanseaten holen könnte.

Entsprechend liegt der Fokus mehr auf Metal statt auf Rock und erstmals in der Bandgeschichte geht dies zulasten der gewohnten Lord Of The Lost-Eingängigkeit. Auf prompte Ohrwürmer stößt man auf „Full Metal Whore“ daher selten, nichtsdestotrotz warten die gesamten fünf neuen Songs und die anschließenden vier Remixversionen des Titelsongs mit Melodien auf, die sich immerhin nach mehrmaligem Hören im Hirn des Konsumenten festsetzen.

Das Brachiale der EP ist zum einen der sauberen, druckvollen Produktion geschuldet, zum anderen aber auch der deutlich involvierten Industrial Metal Schlagseite und dem Gesang. Letzterer präsentiert die Lyrics auf bekannte Art dunkel und tief, darüber hinaus gibt es die eine oder andere Verzerrung und (sowohl düstere als auch Cradle of Filth-mäßig kreischend hohe) Growls zu hören. Ließen sich Lord Of The Lost schon auf Vorgängeralben zum Growlen hinreißen, so fand man jene bisher nicht in derartiger Härte und Dosis vor.

Während Lord Of The Lost auf „Full Metal Whore“ scheinbar keine Grenzen kennen, stößt der eine oder andere Hörer eventuell mit den Remixversionen des Titeltracks im „Noize Corp“- und „Darkflower Dancefloor“-Gewand an ebenjene, denn stellte man sich zunächst die Frage, wie man den von Haus aus sehr Electro-lastigen Titel mit einer elektronisch geprägten Remixversion noch zu übertrumpfen beabsichtigt, geben diese Varianten des Titeltracks die Antwort darauf.
Techno-artig ebnet sich der „Noize Corp“-Mix getreu dem Motto „wenig Dark, viel Dance“ seinen Weg und sticht durch seine Machart vom Rest der EP heraus. Der Hauptbeat ist allerdings ziemlich monoton, retten können das Stück allerdings die elektronischen Spielereien und Effekte, die vor allem beim Gesang Anwendung gefunden haben. Ebenfalls stark tanzbar, aber geschmeidiger und stilistisch besser auf die gesamte EP abgestimmt folgt der „Darkflower Dancefloor Remix“.

Lord Of The Lost liefern ihre EP "Full Metal Whore" mit moralisch unbedenklichen Wendecover (Copyright: Out Of Line / Lord Of The Lost)

Lord Of The Lost liefern ihre EP „Full Metal Whore“ mit moralisch unbedenklichem Wendecover (Copyright: Out Of Line / Lord Of The Lost)

Apropos Remixversionen: Neben der guten, aber unauffälligen Fassung von Dope Stars Inc., legten auch Eden weint im Grab Hand an „Full Metal Whore“. Das Ergebnis ist zugleich (musikalisch sowie künstlerisch gesehen) der interessanteste aller vier Remixe, denn nicht nur die deutschen Lyrics, auch die deutlich erkennbare Handschrift der Dark/Horror Metal Band, die im Stile alter Samsas Traum Songs den Track neu interpretiert, überzeugen, sodass sich „Gespensterhure“, so der Name ihrer Version, einwandfrei in das EP-Konzept einfügt.

Lord Of The Lost sind immer für eine Überraschung gut, und diesbezüglich macht auch die EP „Full Metal Whore“ keine Ausnahme. Für die Art angenehmen Krach und Härte, die das Quintett hier zelebriert, ist die Anzahl der neuen Tracks gerade richtig und es ist eine Wohltat, der Band dabei zuzuhören, wie sie sich immer wieder neu definiert und musikalisch auslebt. Stillstand ist den Mannen ein Fremdwort, die aufgeschlossenen Fans werden es ihnen danken.
Wer zunächst noch skeptisch ist, sollte dem Silberling die eine oder andere weitere Runde gönnen, verlässlich werden die Titel schließlich doch noch zünden.

Tracklist

01 Full Metal Whore
02 Love & Hate
03 Born In Slavery
04 Pretty Dead Dead Boy
05 We’re All Created Evil
06 Gespensterhure (Full Metal Whore – Eden Weint Im Grab Version)
07 Full Metal Whore (Dope Stars Inc. Remix)
08 Full Metal Whore (Noize Corp Remix)
09 Full Metal Whore (Darkflower Dancefloor Remix)

Details

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Label: Out of Line Music
Vö-Termin: 31.07.2015
Spielzeit: 38:39

Copyright Cover: Out of Line



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde