Review

Lord of the Lost bleiben sich stets treu und erfinden sich dennoch immer wieder neu. So darf man gespannt sein, welche musikalische Richtung die Hamburger auf dem neuen Album „Empyrean“ einschlagen werden. Die Tatsache, dass das Berliner Industrial-Projekt Formalin als Co-Produzenten mit ins Boot geholt wurde, weist bereits darauf hin, dass es auch im Hause Lord of the Lost nun harscher und elektronischer zugehen könnte.

Da es sich bei „Empyrean“ um ein Konzeptalbum handelt, das als „dystopisches Future-Metal-Epos“ oder als akustisch inszenierte „Science-Fiction-Odyssee“ umschrieben wird, würde der verstärkte elektronische Ansatz im Stil der Band, der sich bis dato immer in den Weiten des Gothic, Dark und Industrial Metal einordnen ließ, durchaus passen. Bereits der erste Hördurchgang von „Empyrean“ bekräftigt diesen Eindruck.

Empyrean

Schon im Opener „Miss Machine“, mit dem man in sekundenschnelle den ersten Ohrwurm abliefert, treffen Industrial Klänge auf (Dark/Gothic) Metal-Strukturen. Im Hintergrund wabern vielfältige Synthieeffekte und betonen das komplexe Arrangement des Titels, das durch den liedhaften Refrain, der hart, aber melodiebetont ausfällt, nie zu aufdringlich oder chaotisch wirkt.

Wahre Klangfeuerwerke schließen sich mit den weiteren Tracks an, die in einem (trotz zahlreicher Tonspuren, Details und Klang-Extras) sehr differenzierten und druckvollen Sound verpackt wurden.

Mal düster, mal treibend und mit dem Remix-Charme versprühenden Industrial-/Electro-Song „Doomsday Disco“ sogar clubtauglich tanzbar, bieten Lord of the Lost neben typischen und gitarrendominierten Klängen zugleich Abwechslung und einige Neuerungen, die sich hören lassen können. Dabei mangelt es weder an der gewohnten Eingängigkeit noch an einer stimmigen Genrekombination.

Für ruhige Momente sorgen nicht nur die teils Tempo reduzierenden Parts innerhalb eines Tracks, sondern außerdem die beiden Balladen „In Silence“ und „The Interplay Of Life And Death“, welche bereits einen akustischen Ausblick auf die noch folgende Erhabenheit der Bonus-CD „The Final Chapter Of Mankind“ bieten, Hörer und Band kurzzeitig inmitten der meist temporeichen Reise durch „Empyrean“ zur Ruhe kommen lassen und für Gänsehaut sorgen.

Fronter und Mastermind Chris Harms schöpft auf der gesamten Albumlänge das Potenzial seiner Sangeskunst aus und zeigt sich diesbezüglich ein weiteres Mal äußerst variabel. Von warmem, tiefem oder rauem Klargesang über verzerrte Laute bis hin zu Growls und Kreischgesang zeugt die stimmliche Leistung von seinem Repertoire, das stets passend und der Songstimmung angemessen eingesetzt wird.
Nötig hat er Verstärkung am Mikro daher nicht, dennoch wird mit Scarlet Dorn eine Nachwuchskünstlerin für den Song „Black Oxide“ als Duettpartnerin präsentiert, deren Stimme sich in den Lord of the Lost-Sound harmonisch integriert.

Bei solch einem epischen Werk ist es nicht verwunderlich, dass Lord of the Lost jenes in verschiedenen Versionen auf den Markt bringen. Neben der herkömmlichen Album-CD ist „Empyrean“ daher zudem als (uns vorliegende) Deluxe Doppel-CD mit Bonus-Mini-Album „The Final Chapter Of Mankind“ und als limitierte Fan Box erhältlich. Öffnen wir also

The Final Chapter Of Mankind

das die Geschichte von „Empyrean“ mittels sechs Tracks als durchgehende musikalische Story erzählt.

Den Beginn markiert das Instrumentalstück „Adonai“, das nach dem Motto „Klassik meets Metal“ an Opulenz kaum zu überbieten ist. Stimmungsvoll dominiert die klassische Instrumentierung (vor allem die Geigen, Celli und das Klavier) das von Entwicklungen geprägte Geschehen und sorgt für einen atmosphärischen Einstieg, der vor Erhabenheit nur so strotzt. Melodie- und Themenwechsel bauen den Song weiter auf, während der Schlussteil mit Chören im Hintergrund sein episches Finale findet. Nicht wenigen werden hier phasenweise Assoziationen zu der Band Apocalyptica in den Sinn kommen.

Mit dem sich direkt anschließenden „Lament For The Condemned“ wird die Kombination aus Klassik und Metal weiterverfolgt, während zudem einzelne Industrial-Elemente Einzug in den Titel halten. Die dadurch entstehende harschere Seite des ansonsten eher balladesk gehaltenen Titels wird zusätzlich mit vereinzelten verzerrten gutturalen Einschüben auf gesanglicher Ebene komplettiert.

Immer wieder spielen Lord of the Lost im Folgenden mit dem Wechsel aus Härte und Emotion, harscheren und balladesken Phasen, schnelleren und ruhigeren Sequenzen; zudem transportieren ausgewählte elektronische Effekte die Stimmung des Albums bzw. der darauf erzählten Geschichte zusätzlich an die Hörer. Das hält die Spannung des eigenständigen Werks aufrecht, während der „Symphonic Metal“-Ansatz ihrer Musik eine Seite an der Truppe um Chris Harms zeigt, die ihre Fähigkeiten als Metal- und Akustikband bereits zahlreiche Male erfolgreich unter Beweis gestellt hat. Hier finden sich nun alle Ansätze, die Lord of the Lost bisher ausgemacht haben, auf einem Album und wurden derart um neue Facetten erweitert und arrangiert, dass die Musik auf „The Final Chapter Of Mankind“ permanent eine gewisse Gravität und auch Ernsthaftigkeit ausstrahlt. Ein ergreifendes Wechselbad der Gefühle seitens der Hörer ist die Folge.

Lord of the Lost (Copyright: Franz Schepers)

Lord of the Lost (Copyright: Franz Schepers)

Das stimmige Gesamtkonzept des Mini-Albums wird darüber hinaus insbesondere durch die gelungenen und nahtlosen Übergänge von Song zu Song unterstützt.
Diese harmonischen Verbindungen verdeutlichen den zusammenhängenden Charakter der Tracks und machen aus „The Final Chapter Of Mankind“ ein Epos, das aufgrund seiner großartigen Einzelkompositionen allein schon die Höchstwertung mehr als verdient.

Fazit:

Es scheint, als würde der kreative Fluss bei Lord of the Lost einfach nicht zum Erliegen kommen. Veröffentlichung folgt auf Veröffentlichung – ohne Einbußen hinsichtlich der Qualitäten des Quintetts feststellen zu können. Was die Band mit dem Doppelalbum „Empyrean & The Final Chapter Of Mankind“ nun auf die Hörer loslässt, kann nur als Meisterwerk betitelt werden. Keine Füller, keine Remixe, kein Spannungsverlust, dafür jeweils satte Gesamtspielzeiten, detailreiche, vielschichtige Songs, die auch nach mehrmaligem Hören noch einiges entdecken lassen, und eine erstklassige Produktion. Mehr und besser geht einfach nicht.

Video

Tracklist

CD 01: Empyrean
01 Miss Machine
02 Drag Me To Hell
03 The Love Of God
04 Raining Stars
05 In Silence
06 Black Oxide (feat. Scarlet Dorn)
07 Interstellar Wars
08 Doomsday Disco
09 Death Penalty
10 No Gods, No War
11 The Interplay Of Life And Death
12 Utopya
13 Where Is All The Love

CD 02: The Final Chapter Of Mankind
01 Adonai
02 Lament For The Condemned
03 Now We Are The Aliens
04 Lost In Oblivion
05 Traveller’s Wounds
06 Wishing On A Scar

Details

Lord Of The Lost – Homepage
Lord Of The Lost – Facebook
Lord Of The Lost – Twitter

Label: Out of Line Music
Vö-Termin: 29.07.2016
Spielzeit: 57:14 + 35:17

Copyright Cover: Out of Line



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde