Review

Lion Shepherd bringen den Orient nach Warschau. Auf ihrem Album „Hiraeth“ kombiniert das polnische Duo, bestehend aus Kamil Haidar und Mateusz Owczarek, progressiven Rock mit Elementen des Trance, der Weltmusik und des Blues. Kurz gesagt: Ihr Verständnis von Ehtno Prog Rock wird auf „Hiraeth“ hörbar gemacht und dürfte damit nicht gerade eine große Hörerschaft ansprechen. Zum Nachteil gereicht der Band dies jedoch insofern nicht, dass die Hörer, die hier Interesse zeigen und mit dem Stilmix etwas anfangen können, auch auf ihre Kosten kommen werden.

Die oftmals akustisch angelegten und auf einem Progressive Rock Grundgerüst ruhenden Songs fallen durch ihre unterschiedlichen Zusätze (wie zum Beispiel der Zugabe orientalischer Klänge oder indischer und arabischer Percussion Instrumente) sehr vielschichtig aus. Mal werden sie von einem ruhigen, stimmungsvollen Grundton zusammengehalten („Lights On“), mal stellen Lion Shepherd den Rock-Faktor ins Zentrum des musikalischen Geschehens („Brave New World“), an anderer Stelle gelingt ihnen die Kombination des Genannten („Music Box Ballerina“).

Obwohl auf „Hiraeth“ in jeder Hinsicht die Vielseitigkeit dominiert, wirkt das Album sehr durchdacht und in sich stimmig. Gleichzeitig weist es einen gewissen Anspruch auf, der es den Hörern nicht erlaubt, die zehn Songs lediglich nebenbei laufen zu lassen. Dies kann sowohl positiv als auch negativ gewertet werden, denn „Hiraeth“ gilt es zu entdecken, und das braucht sowohl Einhörvermögen als auch Zeit. Letzteres ist bekanntermaßen ein hohes Gut, das nicht jeder bereit ist, aufzubringen, wenn es darum geht, Musik als Unterhaltung zu konsumieren. Vorab sollte man sich also im Klaren darüber sein, dass Lion Shepherd die Hörer mit ihrem Output voll und ganz in Beschlag nehmen – und darauf muss man sich einlassen (können).

Auf technischer Seite gibt es hingegen nichts zu meckern. Die Mixtur der einzelnen Elemente wirkt homogen und die klare Produktion bringt neben der gefühlvollen Seite der Songs auch deren ausgewogenen Sound zur Geltung.

Anders sieht es da schon mit der Abwechslung aus. Gerade den Tracks, die provokant mit den üblichen Hörgewohnheiten spielen, indem der Weltmusik-Anteil in den Songs besonders herausgearbeitet wurde, fehlt es an auffallenden Variationen. Auf Dauer wirken besagte Titel dadurch recht ähnlich. Separat gehört können die Nummern schon eher gefallen. Doch Lion Shepherd gehen nicht gerade sparsam mit ihrem weltmusikalischen Einfluss um, sodass „Hiraeth“ auf Albumlänge zu einseitig erscheint.

Lion Shepherd (Copyright: Lion Shepherd)

Lion Shepherd (Copyright: Lion Shepherd)

Aus der ebenfalls sehr ähnlich ausfallenden Atmosphäre, die „Hiraeth“ durchzieht, reißt schließlich der Track „Smell of War“, der – als vorletzter Titel – ein Highlight des Albums bildet. Die metallisch-harte Seite, die sich erstmals auch gesanglich zeigt, rüttelt auf und überzeugt auf ganzer Linie. Mehr von solchen Perlen und der Abwechslung wäre der Weg bereitet worden.

Alles in allem füllen Lion Shepherd mit ihrem Ehtno Prog Rock eine Nische aus, für die man schon eine Begeisterungsfähigkeit mitbringen muss, um dauerhaft mit dem Silberling „Hiraeth“ glücklich zu werden. Jene Hörer, denen diese Stilmischung zusagt, sollten unserer Wertung von 3,5 Sternen allerdings noch einen weiteren hinzufügen, denn der Zielgruppe wird kaum ein Kritikpunkt in den Sinn kommen.

Anspieltipps: 
Lights Out / Smell of War / Strongest Breed

Video

Tracklist

01 Fly On
02 Lights Out
03 Brave New World
04 Music Box Ballerina
05 I’m Open
06 Past In Mirror
07 Wander
08 Infidel Act Of Love
09 Smell Of War
10 Strongest Breed

Details

Lion Shepherd – Homepage
Lion Shepherd – Facebook

Label: Glassville Records
Vö-Termin: 20.11.2015
Spielzeit: 45:59

Copyright Cover: Glassville Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde