Review

Viel wurde spekuliert über das neue Projekt von Rammstein-Fronter Till Lindemann und Pain-/Hypocrisy-Musiker Peter Tägtgren. Jetzt ist es veröffentlicht, das Debüt „Skills In Pills“ der deutsch-schwedischen Kooperation, der man den schlichten Namen Lindemann gegeben hat.

Ob die mediale Aufmerksamkeit, die man vorab gekonnt schürte, gerechtfertigt war, klärt sich bereits nach dem ersten Durchgang des elf Songs umfassenden Albums, das zunächst aber den Schluss zulässt: Passender hätte der Bandname nicht ausfallen können, denn wo Lindemann drauf steht, ist eindeutig auch Lindemann drin. Und so sind Vergleiche zu Till Lindemanns eigentlicher Band Rammstein – auch wenn man unabhängig davon vielleicht ein neues musikalisches Kapitel aufschlagen wollte – unumgänglich, nicht zuletzt durch die markante Stimme des Sängers.

Mehr noch könnten böse Zungen behaupten, bei Lindemann handelt es sich um „Rammstein 2.0“, nur temporeicher, elektronischer und mit („lustig“ artikulierten) englischen statt deutschen Lyrics aufwartend, denn auf einige Markenzeichen der Band muss man auch auf „Skills In Pills“ nicht verzichten.
Parallelen lassen sich daher zum Beispiel bezüglich der teils provokanten Texte ziehen, und auch musikalisch tragen einige Songs die Handschrift von Rammstein, hört man sich u.a. die Gitarren in „Golden Shower“ einmal an.

Darüber hinaus gibt es jedoch auch zahlreiche Unterschiede. Schade nur, dass genau diese Momente dann an wiederum andere Bands und Musiker erinnern. So pendeln Lindemann beispielsweise zwischen Gothic/Dark Metal à la Lord of the Lost („Children Of The Sun“) und Alternative Metal im Stile von Gothminister („Golden Shower“).
Ihrem Industrial-geschwängerten Sound, der nicht selten auch für verzerrte Vocals sorgt, fügen Lindemann zudem orchestrale Passagen hinzu (sehr prägnant u.a. in „Fat“). Diese und die elektronische Schlagseite des Projekts, welche im Track „Ladyboy“ für einen sphärisch-atmosphärischen Hintergrund sorgt, verleihen vielen Titeln gleichzeitig einen zahmeren Sound, als man ihn etwa von Rammstein gewohnt ist.

Apropos zahm: Mehrfach wird das Talent für Balladen unter Beweis gestellt, denn egal ob „Home Sweet Home“, „Yukon“ oder der Bonustrack „That’s My Heart“, die ruhigen Nummern sind sehr dicht, gefühlvoll und melodisch, während sich dabei nicht sofort der Eindruck aufdrängt, Ähnliches bereits schon einmal gehört zu haben.

Doch wo andere Alben sich mit der Zeit warm laufen, wiederholt sich „Skills In Pills“ ein wenig. Nennenswerte Überraschungen bleiben damit aus. Und selbst neben den überwiegend gefälligen Songs auf „Skills In Pills“ gehören zum Beispiel „Cowboy“ und „Golden Shower“ dann doch eher zu den schwächeren und vor allem flachen Titeln. Insbesondere „Cowboy“, melodisch zwar ganz solide, erinnert durch seine repetitiven, simplen Parts an ein Kinderlied für Erwachsene. Ob man jedoch auf eine metallische Version von, sagen wir mal (um beim Thema „Cowboy“ zu bleiben) „Hoppe, hoppe Reiter“ unbedingt gewartet hat, sei dahingestellt.

Punkten können Lindemann in Sachen Produktion. Das war allerdings zu erwarten und wäre das Gegenteil der Fall, käme dies einem Schlag ins Gesicht gleich. Gut also, dass insbesondere Tägtgren, der die instrumentale Front im Alleingang bewältigt und sich für die Aufnahmen ins eigene Studio zurückzog, weiß, was er tut.

Lindemann (Copyright: Tomaso Baldessarini / Warner Music)

Lindemann (Copyright: Tomaso Baldessarini / Warner Music)

Die Erwartungen an das Projekt waren groß, insbesondere wenn man bedenkt, welch erfahrene und erfolgreiche Künstler sich hier zusammengetan haben. Im Vorfeld wurde Spannung erzeugt, Neugier geweckt und durch geheimnisvolle, häppchenweise Details zum Kommenden Hoffnungen auf etwas Innovatives, Kreatives und Großes geschürt. Allein durch die visuellen Appetizer, für die sich u.a. Fotokünstler Stefan Heilemann mehr als hervorragend verantwortlich zeigt, schnürten Lindemann ein Päckchen, das man nur zu gerne öffnen wollte. Als es nun so weit war, entpuppt sich die vermeintliche Büchse der Pandora jedoch eher als ein solider Schachtelteufel. Dieses „Spielzeug“ kann zwar immer wieder aufs Neue begeistern, neu ist es aber nicht. Und wer mal etwas anderes erwartet, das aus der Kiste springt, als lediglich ein Clown oder ein Teufel, der wird entsprechend enttäuscht sein. Dieses Phänomen lässt sich auch auf „Skills In Pills“ übertragen: Das Album überzeugt durch seine melodiöse Eingängigkeit, wagt aber nicht den Schritt, über Bewährtes hinauszugehen. Erstmals empfiehlt es sich daher für all jene, die von Lindemann Außergewöhnliches, Neues oder Kreatives erwartet haben, unseren 3,5 Sternen einen weiteren abzuziehen.

Video

Tracklist

01 Skills In Pills
02 Ladyboy
03 Fat
04 Fish On
05 Children Of The Sun
06 Home Sweet Home
07 Cowboy
08 Golden Shower
09 Yukon
10 Praise Abort
11 That’s My Heart (Bonus Track)

Details

Lindemann – Homepage
Lindemann – Facebook

Label: Warner Music
VÖ-Termin: 19.06.2015
Spielzeit: 45:00

Copyright Cover: Warner Music



Über den Autor

Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde