Review

Nach 18 Jahren Bandgeschichte und zahlreichen Silberlingen, die den Weg der Letzten Instanz bereitet haben, gossen die sechs Musiker nun ihr 12. Album und entließen es in die Welt. Bei so vielen Kindern, die sie groß gezogen haben, ist klar, dass sie sich nicht alle gleichen – die Frage ist aber: Ist der jüngste Spross besonders gelungen, weil die Jungs auf viel Erfahrung zurückblicken können, oder ist er gar missraten, weil die Aufmerksamkeit nicht mehr gegeben war und durch Erschöpfung verdrängt wurde? Diese Gretchenfrage lässt sich nur nach eingehender Begutachtung beantworten.

„Liebe im Krieg“ heißt also die jüngste Platte der Instanz und beginnt gleich mit dem namensgebenden Track. Rockige Gitarren, Schlagzeug, Geige und Cello, eine Prise Keyboard, dazu der Gesang von Holly Loose – das alles klingt vertraut und gefällig – hat allerdings leider nicht unbedingt Ohrwurmgarantie. Der Opener hätte gerne weniger eine Pop-Rock-Nummer und dafür etwas eckiger sein dürfen. Schlecht ist der Song aber dennoch nicht. Vielleicht hätte man ihn aber mit dem zweiten Titel „Tränen aus Stein“ vertauschen sollen. Dieser beginnt mit Violinenklängen, auf die sich dann hämmernde Gitarrenriffs und scheppernde Becken legen. Der Refrain geht ins Ohr, der Song verleitet zum Haare schütteln und ist sicherlich auch live ein Stimmungsmacher.

Zwar immer noch etwas poppig daher kommt zunächst „Steh auf!“, dieser Song entpuppt sich aber als ein kleiner Ausreißer, den die Band riskiert. Früher bekannt für ungewöhnliche Instrumentenkombinationen fühlten sich manche Songs in der letzten Zeit doch sehr glatt an. Dieser Song ist insbesondere in der Bridge grob und unmelodisch und bildet mit dem harmonischen Refrain, der leise orientalische Geigenmelodien einwebt, einen interessanten Kontrast. Hier wagt die Band mal wieder etwas und gewinnt dabei.

Einen Blick zurück werfen Letzte Instanz im vierten Song „Tageslicht“: Piano und E-Gitarre beginnen gemeinsam und untermalen den romantisch-sehnsüchtigen Text einer gescheiterten Beziehung. Die Jungs legen hier ihren Fans eine klassische Gothic-Liebes-Ballade zu Füßen und diese nehmen sie sicher dankbar auf, klingt doch hier das Ganze wieder ein bisschen wie früher, was die melancholische Grundstimmung perfekt aufgreift.

Bis hierhin ist „Liebe im Krieg“ also ein solides Werk, welches jedoch mit dem fünften Titel (übrigens auch die erste Single) auf eine harte Probe gestellt wird. Denn was für Letzte Instanz-Frischlinge vielleicht wie eine grandiose Hymne anmutet, hat für den langjährigen Fan einen bitteren Beigeschmack. Hier driftet der Sound doch sehr stark in einen Popsong ab, der mit etwas Letzte Instanz Ambiente verschleiert werden soll. Es scheint, als sei das Lied auf Radiotauglichkeit angelegt im Jahr von EM und Olympia – aber das passt einfach nicht zur Letzten Instanz. Musikalisch ist das Stück natürlich eingängig, aber leider nicht außergewöhnlich. Das kann die Band besser!

Und beweist dies amüsanterweise in den folgenden Tracks ausgiebig! Egal ob „Reise“, „Weiß wie der Schnee“, „Das Gerücht“ oder auch „Blutmond“ – hier findet die Instanz zu einer guten Form zurück. Sowohl musikalisch ausgewogen und abwechslungsreich, als auch textlich ausgesprochen poetisch.
„Reise“ kommt instrumental ruhig und reduziert daher und ist dabei dennoch sehr kraftvoll. „Weiß wie der Schnee“ erinnert mit den fetten Gitarrenriffs, die sich an Klavier, Violine und Cello heften, an alte Klassiker der Band: ein bisschen düster, ein bisschen lyrisch. Das ganze Gegenteil ist „Das Gerücht“ – mit fetziger Streicheraction in Kombination mit kernig-kehligen, satten Gitarren ist der Song akzentuiert und griffig; ein Ohrwurmkandidat mit einem deutlichen Augenzwinkern der Bandwurzeln. „Blutmond“ verlässt die alten Pfade wieder etwas und zeigt eine moderne Letzte Instanz, die abwechslungsreiche Melodien in einem fast schon Rock-Orchester-Ambiente serviert.

Letzte Instanz

Letzte Instanz (Copyright: Andraj Sonnenkalb)

Nach diesem Höhenflug driftet das Album jedoch ein wenig ab und zeigt vermehrt hymnische oder poppige Facetten. So startet „Unsere Tage“ pompös mit Streichern und erhält im Refrain Unterstützung von einem dominanten Schlagzeug. Insgesamt wirkt der Song nicht schlecht, klingt aber ein bisschen hoch frisiert und gewollt episch. Ein wenig minimalistischer wirkt „Ich werde vor dir untergehen“. Hier bildet die Akustikgitarre in den Strophen den roten Faden, während der Refrain in seiner ganzen Machart sehr balladesk auftrumpfen will. Den Abschluss des Albums bildet „Weite Welt“, das ruhig und melancholisch versucht, das Album abzurunden. Der Song schmeckt mit Klavier, Trommel und Streichern nach großer Bühne, wirkt aber im Vergleich zu seinen Vorgängern fast schon zu groß.

Alles in allem muss man „Liebe im Krieg“ zugestehen, dass es kein Reinfall oder Totalausfall ist. Wenngleich es immer stärker in die Rock-Pop-Ecke wandert, hat es doch in einigen Songs seine Wurzeln noch nicht komplett vergessen. Qualitativ gut und sauber gemacht ist das zwölfte Album eine stabile Leistung, die durchaus Unterhaltung bietet und seine Runden im Player drehen darf – allerdings dürfen keine zu großen Überraschungen erwartet werden. Die Letzte Instanz scheint ihren Weg gewählt zu haben und nach 18 Jahren müssen es vielleicht auch keine großen Experimente mehr sein. Nichtsdestotrotz wäre es wünschenswert, wenn die Jungs sich nicht glattbügeln oder in ein Korsett zwingen lassen, dass nicht so recht passen mag, sondern sich selbst weiterhin treu bleiben und ihren zukünftigen Kindern weiterhin Ecken und Kanten verpassen.

Anspieltipps
Tränen aus Stein | Tageslicht | Reise | Das Gerücht | Blutmond

Video

Tracklist

01 Liebe im Krieg
02 Tränen aus Stein
03 Steh auf!
04 Tageslicht
05 Wir sind eins
06 Reise
07 Weiß wie der Schnee
08 Das Gerücht
09 Blutmond
10 Unsere Tage
11 Ich werde vor Dir untergehen
12 Weite Welt

Details

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Label: AFM Records / Soulfood
VÖ-Termin: 12.08.2016
Spielzeit: 46:53

Copyright Cover: AFM Records



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.