Review

Ein Leichtmatrose ist ein Mitglied einer Schiffscrew, das schon etwas mehr Verantwortung als ein Schiffsjunge hat, aber noch kein Vollmatrose ist. Es klingt ein bisschen wie nicht Fisch, nicht Fleisch – und ist damit ein erstes Vorzeichen für das neue Album des gleichnamigen Elektro-Chanson-Projektes „Leichtmatrose“. Aber der Reihe nach …

2007 stellte der Musiker Andreas Stitz unter dem Namen Leichtmatrose seine ersten eigenen Musiktracks auf der Internetplattform Myspace der Öffentlichkeit vor und wurde prompt vom deutschen Musik-Urgestein Joachim Witt entdeckt. 2009 veröffentlichte der Münsteraner Künstler sein erstes Album „Gestrandet“ – und danach war das Meer ruhig. Keine Welle schlug mehr an den Strand, kein Schiff brach durchs Wasser. Ganze fünf Jahre lang. Nun ist der Leichtmatrose aber wieder aufgetaucht wie ein U-Boot aus dem Pop-Ozean und will ankern. Nur wo?

Er selbst soll seine Musik als deutschen Elektro-Chanson bezeichnen, was sicherlich zutrifft. Denn mit seiner ganz eigenen Art zu singen, dieser ganz speziellen Stimmfarbe und dem ansonsten recht aufgeräumten musikalischen Arrangement passt Stitz so gar nicht gut ins normale Pop-Geschehen. „Er ist anders“ – so heißt es im Pressetext. Aber ob er auch „gut“ anders ist?

Fakt ist, dass das Album „Du, ich und die anderen“ mit zwölf Songs daherkommt, die ein eigenartiges Gespann ergeben. Denn während die Musik in den meisten Fällen durchaus als gelungen bezeichnet werden kann – von leisen Klängen mit Geige und Piano über Synthesizer-Pop bis hin zum dicken Sound mit Bass oder fast orchestraler Atmosphäre zeigt der Leichtmatrose eine abwechslungsreiche Spanne – ist die Frage des Inhaltes und Textes so eine Sache.

Prinzipielles Thema des Albums, welches auf dem Cover auch passenderweise ein großes rotes Herz prangen hat, ist wohl die Liebe. Allerdings finden wir keine schmachtenden Songs, sondern eher solche, die eine gescheiterte Beziehung versuchen zu verarbeiten. Während das im Stück „Reingelegt“ sehr sarkastisch und dadurch recht amüsant gelingt, wirken andere Tracks wirklich bösartig. Ich als Hörerin hatte nahezu den Drang, mich für mein Geschlecht entschuldigen zu müssen. Denn glaubt man dem Künstler und seinen Zeilen über die garstige Ex, die grausame Spielchen mit ihm und seinem Herzen getrieben hat, muss der arme Herr Stitz an ein wirklich schlimmes Exemplar der Gattung Frau gestoßen sein. Das ist jedoch noch kein Grund, solche Songtexte zu verfassen (und diese auch noch zu veröffentlichen). So besingt er in „Adieu Marie“ den Abschied von einer Ex-Geliebten, die er mit einem Stein am Fuß ‚gen Meeresboden versenkt. In „Besser nicht“ richtet sich sein Groll wiederum gegen einen Vogel, das Symbol der Beziehung, welchen er schließlich mit einem Stein erschlägt. Das zuvor noch zuckende Mitgefühl dreht sich ganz schnell in Empörung. Denn natürlich darf Männlein wie Weiblein mit einer auf gut Deutsch gesagt beschissenen Beziehung auch etwas deftiger abschließen, aber beim Leichtmatrosen nimmt das zum Teil wirklich grenzwertige Formen an.

Das restliche Album plätschert zum Glück meist ohne große Negativausreißer vor sich hin. Songs wie „Sternenstaub“ oder „Atlantis“ sind recht nett, aber leider nicht außergewöhnlich. Einzig zwei Songs stechen wirklich positiv heraus: „Jonny fand bei den Sternen sein Glück“ berichtet von Drogenerfahrungen und dem Gefühl des Verlustes, wenn jemand aus diesen nicht mehr zurückkehrt. Darin spiegeln sich auf jeden Fall die Erlebnisse des Künstlers wider, welche er in seinem Beruf als Bewährungshelfer und Drogenberater gesammelt hat. Das Ende des Songs ist berührend und ehrlich. Ähnlich wie das gleich danach folgende „Hier drüben im Graben“, bei welchem sein Entdecker Joachim Witt ein Gastspiel gibt. In dem Duett wird ausgesprochen ruhig und einfühlsam mit dem Thema Krieg umgegangen. Die in solchen Situationen entstehenden Traumata, die Verzweiflung der Überlebenden, all das zeigt sich in der melancholischen Stimmung des Songs. Ergreifend und zum Nachdenken anregend. Endlich.

Leichtmatrose (Copyright: Leichtmatrose)

Leichtmatrose (Copyright: Leichtmatrose)

Jedoch sind das eben die Ausnahmen auf diesem Album. Der überwiegende Teil kommt leider weniger poetisch daher, sondern dümpelt eher in seichteren Gewässern herum oder driftet gleich ganz in einen trotzigen, verbitterten Sumpf ab, aus dem sich Leichtmatrose leider noch nicht erfolgreich herauskämpfen konnte. Sicherlich, Andreas Stitz will provozieren. Aber wer sich an solch sensiblen Themen wie fanatischer Liebe und sogar Gewalt gegen Frauen versucht, der muss sich mit Ikonen wie Falco messen – und an „Jeanny“ reichen seine Lieder leider längst nicht heran.

Dennoch kann das Album nicht als Flop abgeschrieben werden, denn musikalisch ist Leichtmatrose gut auf Kurs. Hoffentlich hat er sich mit „Du, ich und die anderen“ nun erfolgreich aus den Untiefen seines Frustes herausmanövriert und kann zukünftig befreiter in See stechen – hin zu solchen Titeln wie „Hier drüben im Graben“, die sein Potenzial so viel besser zeigen.
In diesem Sinne: Ahoi, Matrose!

Anspieltipps:
Jonny fand sein Glück bei den Sternen / Hier drüben im Graben / Reingelegt

Video

Tracklist

01 Dalai Lama
02 Ich hab dich bloß geliebt
03 Sternenstaub
04 Jonny fand bei den Sternen sein Glück
05 Hier drüben im Graben (feat. Joachim Witt)
06 Damals im Leben (was für ein Jahr)
07 Adieu Marie
08 Liebe und all dieser Scheiß der mal war
09 Besser nicht
10 Reingelegt
11 Atlantis (feat. Dorian E)
12 Wenn du sagst, dass du mich liebst

Details

Leichtmatrose – Homepage
Leichtmatrose – Facebook

Label: IAS RecordsBelieve Digital / Soulfood
VÖ-Termin: 07.08.2015
Spielzeit: 49:00

Copyright Cover: IAS Records



Über den Autor

Silvana
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A Cat is Purrfect.