Review

Mit ihrem neuen Album „King of Kings“ liefern Leaves‘ Eyes, die Symphonic Metaller um Frontfrau Liv Kristine, eine Geschichtsstunde ab, die es sowohl soundtechnisch als auch konzeptuell und musikalisch in sich hat.

Dass die Band Konzeptalben erfolgreich veröffentlichen kann, ist – sieht man sich die Diskografie des aktuellen Quintetts an – nicht neu. Für „King of Kings“ jedoch wurden keine Mittel und Wege gescheut, um etwas ganz Besonderes hervorzuzaubern:
Aufgenommen in Studios in Deutschland, Norwegen, England, den Niederlanden, Weißrussland und der Schweiz, holte man sich entsprechend Verstärkung für das Vorhaben, ein möglichst bombastisches Musikerlebnis zu erschaffen und die Wikingerzeit lebendig werden zu lassen, mit an Bord. Neben Gastsängerinnen Simone Simons von Epica, zu hören in „Edge of Steel“, und Lindy Fay Hella von Wardruna, stimmlich präsent in „Blazing Waters“, sorgt das White Russian Symphony Orchestra unter Leitung von Victor Smolski für die orchestral-sinfonische Breitseite auf „King of Kings“, während Liv Kristine gesanglich durch die dominanten Chöre des London Voices Choir Ensemble (u.a. „Herr der Ringe“, „Star Wars“, „Der Hobbit“ und „Harry Potter“) unterstützt wird.
Ein Aufwand, der wohl nicht zuletzt deshalb betrieben wurde, um der Legende aus der Heimat Liv Kristines gerecht zu werden, ihr ein cineastisch-musikalisches Gewand zu verleihen und somit den Fans ein Highlight an einer Leaves‘ Eyes Veröffentlichung zu liefern. Sollte dies der Plan gewesen sein, so geht er auf.

Intensiv taucht der Hörer für die Dauer von elf opulent arrangierten Songs in die Historie Norwegens, genauer gesagt in die Legenden um Norwegens ersten König „Harald Fairhair“ ein. Und ähnlich der Sage, die besagt, dass Harald I. für die Liebe zu Gyda Eiriksdóttir das Königreich eroberte (besungen wird dieser Mythos im Song „Sacred Vow“), gehen auch Leaves‘ Eyes mit einer Akribie, Liebe und Leidenschaft an die Umsetzung ihres Konzeptalbums.
Mehr zur Entstehungsgeschichte von „King of Kings“ und dessen historisch-mythologischen Hintergrund gibt es aber an dieser Stelle im links stehenden Video zu sehen. Kommen wir daher zur Musik.

Eingeleitet vom Folk-Pagan-artig instrumentierten Intro „Sweven“, das mit Sprechgesang und dunklen Chören Atmosphäre aufbaut, nimmt die Reise ins 10. Jahrhundert schon mit dem Folge- und gleichzeitigem Titeltrack „King of Kings“ an Fahrt auf. Tiefgestimmte Gitarren, druckvolle sinfonische Arrangements und dazu Liv Kristines zarte Stimme empfangen den Hörer. Vor allem die markanten Chöre entladen sich im Refrain, während der Sopran durch Growls im Background Gesellschaft bekommt. Ein insgesamt schön „getragener“, dichter Song, der mit gelungener Melodie und Zugewinn an Intensität überzeugt.

Energetischer und düsterer schließt sich „Halvdan The Black“ an, dem archaische Laute vorausgeschickt werden. Neben einigen minimalen progressiveren Elementen dominieren – entsprechend des Songinhalts – die Growls.

Eine Ballade täuschen Leaves‘ Eyes schließlich mit „The Waking Eye“ an, der sich aber schon nach wenigen Sekunden zu einem dynamisch-liedhaften Ohrwurm entwickelt, dem es auch an metallischer Härte nicht mangelt. Diesbezüglich wundert es nicht, dass zu diesem Song bereits ein Musikclip veröffentlicht wurde.

Das kurze instrumentale Intermezzo mit Dudelsäcken, „Feast of the Year“, leitet nahtlos zu „Vengeance Venom“ über. Folklastig, wieder an Härte zunehmend und temporeich punktet der Song, doch auch der eindringlich einprägsame Refrain mit martialischem Touch begeistert.

„Sacred Vow“ steigert das Tempo erneut, was bedeutet, dass Doublebass-Attacken phasenweise auf dem Programm stehen. Zwar hätten hier auch Growls sehr gut reingepasst, auf jene muss man jedoch bis zum nächsten Song warten. Stattdessen wechseln sich epische Chorpassagen mit Liv Kristines Gesang ab.

Hymnenhaft geht es in mit „Marsch“-Refrain versehenem „Edge of Steel“ zu, nordische Melancholie folgt mit der kurzen Ballade „Haraldskvæði“, Rhythmus- und Melodiewechsel en masse verpassen Leaves‘ Eyes „Blazing Waters“ und der Rauswurf „Swords in Rock“ lässt schließlich ‚die Barbaren‘ ein letztes Mal zu melodisch-flotten Folk-Metal-Klängen tanzen. „Swords in Rock“ ist – kleiner Bildungsauftrag am Rande – ein Denkmal, bestehend aus drei 10m hohen, in Felsen befestigten Schwertern in Hafrsfjord, das an die Schlacht von Hafrsfjord, als Harald I. Norwegen zu einem Königreich vereinte, erinnern soll. Und nicht nur durch diesen Song über die Gedenkstätte, sondern durch das gesamte Album „King of Kings“ erschaffen sich Leaves‘ Eyes ebenfalls ein kleines Monument in ihrer Diskografie.

Leaves' Eyes (Copyright: Leaves' Eyes)

Leaves‘ Eyes (Copyright: Leaves‘ Eyes)

Denn alles in allem überzeugt „King of Kings“ als Konzeptalbum durch eine besondere, thematisch passende Stimmung, die über die gesamte Spielzeit aufrechterhalten wird. Dazu tragen unter anderem die Instrumentierung, die keltisch-folkloristischen Elemente, archaische Geräusche sowie die englischen und auch mal norwegischen Lyrics enorm bei. Die Atmosphäre von „King of Kings“ lässt außerdem Assoziationen zu den ersten Epica-Alben und zu Nightwishs „Once“-Zeiten aufkommen, insbesondere was den Einsatz der epischen Chöre betrifft. Trotzdem bleibt es nicht zuletzt durch Liv Kristines Stimme allzeit eine unüberhörbare Leaves‘ Eyes-Veröffentlichung.

Die einzelnen Songs sind, ausgenommen vom knapp achtminütigen Epos „Blazing Waters“, das breit angelegt die Schlacht von Hafrsfjord widerspiegelt, auf den Punkt gebracht. Entsprechend überschaubar fallen die Spielzeiten der Titel aus, die zudem mit hoher Melodiosität daherkommen.

Dass zudem der Sound auf ganzer Linie überzeugt und die Hörer trotz aller Opulenz nicht überfordert, rundet das von Leaves‘ Eyes geschnürte Paket „King of Kings“ perfekt ab. Fans der Band und Symphonic Metal Liebhaber greifen ohne Bedenken sofort zu!

Video

Tracklist

01 Sweven
02 King Of Kings
03 Halvdan The Black
04 The Waking Eye
05 Feast Of The Year
06 Vengeance Venom
07 Sacred Vow
08 Edge Of Steel
09 Haraldskvæði
10 Blazing Waters
11 Swords In Rock

Details

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Label: AFM Records
Vö-Termin: 11.09.2015
Spielzeit: 43:15

Copyright Cover: AFM Records



Über den Autor

Conny
Conny
"Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert." - Oscar Wilde